Differentia

Reflexionstheorie und Interdependenzunterbrechung

Wie schnell man aber an eine Grenze der Wissenschaftlichkeit stößt, und damit überhaupt an die Kapazitätsgrenzen eines Systems, sei hinsichtlich der Notwendigkeit der Installation geeigneter Reflexionstheorien beschrieben: Eine funktional differenzierte Gesellschaft ist in der Lage, extreme Ungleichheit zwischen Funktionssystemen zu erzeugen und zu tolerieren. Dies ist jedoch an zwei Bedingung geknüpft, die der Temporalisierung und die der Interdependenzunterbrechung, also der Beendigung von Relationen zwischen System- und Umweltelementen. Die erste Bedingung der Temporalisierung besagt, dass extreme Ungleichheit nur als temporär angesehen wird und sich schnell ändern kann, die zweite, dass durch Interdependenzunterbrechung Verluste, aber auch Gewine in einem Funktionssystem nicht auch Verluste oder Gewinne in anderen nach sich ziehen müssen. In der modernen Gesellschaft müssen nun beide Bedingungen in hohem Maße einrichten lassen, damit sie an Stabilität in einem ansonsten schnell veränderbaren Gefüge behalten. Daraus ergeben sich drei Fragen: Handelt es sich bei dieser Beschreibung um eine soziologische Analyse, also um eine wissenschaftliche Analyse, die die Funktionsweise differenzierter Gesellschaften darlegt? Dann könnte im Prinzip Exklusion in Gesellschaft gar nicht stattfinden. Oder handelt es sich um die empirische Beschreibung eines zeitlich begrenzten Zustands? Dann müsste eine historische und nicht allgemein theoretische Erklärung des Phänomens und seiner zeitlichen Beschränktheit folgen. Oder handelt es sich um ein Postulat, das in erster Linie notwendige Bedingungen für eine idealtypische Konstellation formuliert, vielleicht unter Berücksichtigung historischen Materials? Wie sollte, wenn diesen Fragen nachgegangen wird, die Wissenschaftlichkeit in allen Punkten eingehalten werden können, betrachtet man die Zeit, die es dauert, deratige Komplexität zu verarbeiten während gleichzeitig ja die internen Interdependenzen gar nicht unterbrechen dürfen, um das System im ganzen nicht in eine Krise zu führen?

Selbstreferenz und Selbstbeschreibung

Gerade dieser Zusammenhang spielt für die Zirkularität des Wissens eine große Rolle, gelten diese Vorbehalte doch nicht nur für die Wissenschaft allgemein, sondern für alle andere sozialen System ebenfalls. Das aber ändert nichts daran, dass die Ausdifferenzierung und Evolution von Systemen nur durch Selbstreferenz zustande kommt kann, das heißt dadurch, dass die Systeme in der Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst Bezug nehmen. Sie müssen, um dies zu ermöglichen, eine Beschreibung ihres Selbst erzeugen und benutzen. Sie müssen dazu systemintern mindestens die Differenz zwischen System und Umwelt als Orientierung und als Prinzip der Erzeugung von handlungsrelevantem Wissen über die Umwelt verwenden können. Systeme haben somit Grenzen, welche die Doppelfunktion der Trennung und der Verbindung zwischen System und Umwelt übernehmen. Diese Eigenheit von Systemen steigert die Möglichkeiten der Verarbeitung von Komplexität, die über andauernde soziale Anschlussfindungen abläuft.

Diese Doppelfunktion läßt sich anhand der Unterscheidung von Element und Relation verdeutlichen. Jeder komplexe Sachverhalt beruht auf einer Selektion der Relationen zwischen seinen Elementen, die er benutzt, um sich zu erhalten. Durch Selektionszwang und durch Konditionierung von Selektionen lässt sich auch erklären, dass sich in einer Mehrebenenanordnung aus einer Unterschicht von sehr ähnlichen Einheiten wie beispielsweise weniger spezialisierter, also sehr ähnlich organisierter Einheiten sehr verschiedenartige Subsysteme bilden können. Die Elemente müssen, wenn die Grenzen scharf gezogen sind, entweder dem System oder der Umwelt zugerechnet werden. Relationen können dagegen auch zwischen Systemen und Umwelt bestehen.
Ein soziales System differenziert sich demnach in ungleiche soziale Teilsysteme, die mitunter nur existieren können, wenn sie für die gesamte Operativität eine exklusive Funktion erfüllen. Die Ausdifferenzierung jeweils eines Teilsystems für jeweils eine Funktion bedeutet, dass diese Funktion für dieses System Priorität genießt und allen anderen Funktionen vorgeordnet wird. Durch die Erfüllung der Primärfunktionen lösen die Teilsysteme spezifische, auf die eigentliche Leistungserstellung bezogene relevante Probleme, deren Durchführung sie exklusiv übernommen haben, und entlasten dadurch die anderen Systeme. Über die Lösung von Problemen und die Durchführung entsprechender Entscheidungen bestimmen die Teilsysteme selbst, sie operieren weitgehend autonom oder systemtheoretisch ausgedrückt: selbstreferentiell und autopoietisch.

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