Verhältnis von Theorie und Reflexionstheorie
von Kusanowsky
Eine Theorie kann im weiten Sinne als eine sozial sanktionierte Unterscheidungsroutine beschrieben werden, die die Verwendung systemspezifischer Unterscheidungen einschränkt. Im engen Sinne regeln Theorien die Verwendung von Codes, so dass in diesem Sinne Theorien nur als Produkte von code-gebrauchenden Funktionssystemen in Frage kommen. Wissenschaftliche Theorien sind Theorien der Wissenschaft; müsste das nicht auch bedeuten, dass eine Kunsttheorie nichts anderes ist als eine Theorie der Kunst, also Ergebnis eines funktionstypischen Zusammenhangs? Ist die Theorie der Ökonomie nun ein Produkt der Wirtschaft oder auch der Wissenschaft?
Dass beispielsweise eine Theorie der Ökonomie als ein Produkt der Wirtschaft bezeichnet werden kann, ließe sich dann erklären, wenn sie sich ihrerseits Referenzproblemen auf der Ebene ökonomischer Kommunikation verdankt. Diese Referenzen könnten alles mögliche sein, z.B. Probleme der Komplexität, der Inkomensurabilität, der Kontingenz, etc.; Probleme, deren Lösung in der Gestalt von Reduktionsformeln, Vergleichen oder Empfehlungen auftreten. Man könnte diese Beobachtungsformen deshalb als „Reflexionstheorien der Wirtschaft“ betrachten, weil sich die Art und Weise der Reflexion an den pragmatischen Problemen der Wirtschaft orientiert und die Theorieergebnisse primär in die ökonomische Kommunikation zurückgespiegelt wird. Ein „Produkt der Wissenschaft“ würde eine solche Reflexion aber erst dann, wenn es a) um Wahrheit geht, sofern diese durch Lösung methodischer Probleme verhandelbar wird; b) wissenschaftsspezifische Unterscheidungsroutinen die Reflexion leiten und c) die Reflexionsergebnisse in die wissenschaftliche Kommunikation zurück gebracht werden.
Man könnte diese Überlegung auch auf das Verhältnis von Ethik und Moral beziehen, also dies am Beispiel von moralischer Kommunikation und ethischer Reflexion durchführen:
So, wie sich moralische Kommunikation einem Referenzproblem verdankt, so konnte man die Ethik als „Theorie der Moral“ dann als ein Produkt der Moral bezeichnen, wenn sie sich ihrerseits Referenzproblemen auf der Ebene moralischer Kommunikation verdankt. Auch hier könnte dies wiederum alles Mögliche sein, z.B. Probleme der Komplexität, der Inkomensurabilität, der Kontingenz usw..
Könnte man auch hier wie oben diese Beobachtungsformen ebenfalls als „Reflexionstheorien der Moral“ bezeichnen, weil sich die Reflexion an den Problemen der Moral mit sich selbst orientiert und die Theorieergebnisse primär der moralischen Kommunikation zur Verfügung gestellt werden. Auch hier wäre Ethik nur dann eine „Produkt der Wissenschaft“, wenn es a) um Wahrheit geht, sofern diese durch Lösung methodischer Probleme verhandelbar wird, z.B. ist es wahr, dass Moralbegründungen die Kontingenz moralischer Urteile absorbiert; b) wissenschaftsspezifische Unterscheidungsroutinen die Reflexion leiten wie z.B. soziologische oder evolutionstheoretische Beobachtung der Moral und c) die Reflexionsergebnisse in die wissenschaftliche Kommunikation zurück gebracht werden.
Das könnte bedeuten: Ethik als Reflexionstheorie der Moral wird angestoßen und geleitet von den Problemen, die moralische Kommunikation mit sich selbst hat, wenn z.B. ihre Autopoiesis blockiert ist. Reflexionsergebnisse der Ethik finden in die moralische Kommunikation in dem Maße wieder zurück, als sie diese Probleme (z.B. Anschlussblockierungen) löst. Ethik als Reflexionstheorie der Moral wäre damit die Instanz der Lösung von Problemen, die die moralische Kommunikation mit sich selbst hat.