Transzendentaltheorie und Konstruktivismus
von Kusanowsky
Es gibt nicht nur – wie Luhmann schreibt – keine Beobachtung, die nicht ihrerseits beobachtbar wäre, sondern er scheint außerdem anzunehmen, dass es keine Beobachtung gibt, die nicht empirischen Charakter besitzt. Luhmanns eigene Erkenntnistheorie ist daher auch nicht aufgrund besonderer Vorkehrungen, bestimmter einzuhaltender Kriterien nicht Transzendentaltheorie, sie ist sozusagen automatisch eine solche. Dazu passt auch Luhmanns immer wieder wiederholte Beteuerung, der radikale Konstruktivismus sei keine nicht-empirische Theorie – was immer dessen Vertreter wie z.B. von Glasersfeld auch sagen mögen: „Selbstverständlich ist der Konstruktivismus eine realistische Erkenntnistheorie, die empirische Argumente benutzt.“ (Soziologische Aufklärung, 5.)
Dann aber fragt sich, was denn die Qualifikation einer Erkenntnistheorie als empirisch oder als „naturale Epistemologie“ noch bedeutet, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt, wenn „empirisch“ nicht mehr eine Seite einer Unterscheidung bezeichnet.
Aufgrund der Art des kognitiven Prozesses und der Funktion der sprachlichen Interaktionen können wir nichts über das aussagen, was unabhängig von uns ist, und womit wir nicht interagieren können. […] Daraus folgt, daß eine Realität als eine Welt unabhängiger Gegenstände, über die wir reden können, notwendigerweise eine Fiktion […] ist, und daß wir den Begriff der Realität gerade auf den Bereich der Beschreibungen anwenden sollten, in dem wir […] mit unseren Beschreibungen so interagieren, als ob diese unabhängige Gegenstände wären.
Maturana, Humberto: Biologie der Kognition.
Das Moebiusband-Paradox ist vielleicht interessant in diesem Zusammenhang:
Man kann einen (transzendenten) Beobachterstandpunkt einnehmen und das Band/ die Welt und Wirklichkeit (in der Theorie) entweder von Innen oder von Außen betrachten (zumindest modellhaft kann das Bewusstsein eine partikuläre Perspektive und Position einnehmen, in der sich ein Beobachter entweder im inneren dieses Bandes begreift oder außerhalb davon stehend), das Band selbst hat allerdings nur eine Seite, die sich abtasten (/ oder empirisch erfahren und erkennen) lässt.
Alles, was sich auf dem Band abbildet befindet sich auf einer in sich prozessual verbundenen an den „Enden“ geschlossenen Seite.
„Anfang und Ende“ dieser „Welt“ sind umgestülpt verbunden.