Differentia

Transzendentaltheorie und Konstruktivismus

Es gibt nicht nur – wie Luhmann schreibt – keine Beobachtung, die nicht ihrerseits beobachtbar wäre, sondern er scheint außerdem anzunehmen, dass es keine Beobachtung gibt, die nicht empirischen Charakter besitzt. Luhmanns eigene Erkenntnistheorie ist daher auch nicht aufgrund besonderer Vorkehrungen, bestimmter einzuhaltender Kriterien nicht Transzendentaltheorie, sie ist sozusagen automatisch eine solche. Dazu passt auch Luhmanns immer wieder wiederholte Beteuerung, der radikale Konstruktivismus sei keine nicht-empirische Theorie – was immer dessen Vertreter wie z.B. von Glasersfeld auch sagen mögen: „Selbstverständlich ist der Konstruktivismus eine realistische Erkenntnistheorie, die empirische Argumente benutzt.“ (Soziologische Aufklärung, 5.)
Dann aber fragt sich, was denn die Qualifikation einer Erkenntnistheorie als empirisch oder als „naturale Epistemologie“ noch bedeutet, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt, wenn „empirisch“ nicht mehr eine Seite einer Unterscheidung bezeichnet.

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Erfahrung und die Formen der Erfahrung

Kant unterscheidet zwischen Erfahrung und den Formen der Erfahrung, die ihrerseits nicht empirisch zugänglich sind, sondern in der Reflexion auf ihre Vorbedingungen erschlossen werden. Die Erfahrung als solche ist der Erfahrung nicht zugänglich. Dem entgegen ist Luhmann zufolge Beobachtung immer eine empirisch beobachtbare Operation.
Entsprechend unterscheidet Luhmann nicht zwischen einer empirischen und einer transzendentalen Ebene. Beobachtung im Sinn von „Unterscheiden und Bezeichnen“ umfasst nicht nur Kants Erfahrung, sondern auch die Überlegungen über ihre Vorbedingungen. Diese Begriffsfassung führt aber dazu, dass die Transzendentaltheorie nicht mehr als alternativer theoretischer Ansatz, sondern eher als Missverständnis erscheint: Kant meinte zwar, er betrachte nicht-empirische Vorbedingungen der Erfahrung, aber diese Betrachtung war selbst eine Beobachtung, und das heißt Empirie.

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