Differentia

Tag: Organisation

Vortrag (abgelehnt): “Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten”

Für die Tagung “Politisches Handeln in digitalen Öffentlichkeiten” an der Universität Göttingen hatte ich diesen Vorschlag eingereicht. Er wurde abgelehnt.

Das Verhältnis von Organisation und Selbstorganisation bei der Piratenpartei

Organisationen als Gebilde formalisierter Entscheidungsfindung verlangen, dass nicht alle Mitglieder an Entscheidungen beteiligt werden können, weil alle anderen Entscheidungsfindungsversuche in die Selbstparalyse führen. Organisationen zeichnen sich dadurch aus, dass Entscheidungen von wenigen für viele verbindlich getroffen werden; Entscheidungen, die von den vielen nicht einfach revidiert werden können ohne, dass diese Organisationssysteme zerfallen oder sich aufspalten. Eben dies ist bei der Piratenpartei gegenwärtig zu beobachten. Es findet in der Piratenpartei eine Selbstparalyse statt, weil die Garantiestrukturen funktionaler Festlegungen nicht berücksichtigt werden.
Die Piratenpartei ist zunächst ein Phänomen gelingender Selbstorganisation durch Internetkommunikation. Die Voraussetzung für Selbstorganisation besteht darin, dass keine übergeordnete Instanz ansprechbar ist, die darüber befindet, wer sich beteiligen darf, welche Themen relevant sind, wann Zeitpunkte für Anfang und Ende von Sequenzen festgelegt werden und die Aussichten darüber formuliert, wohin das alles führen kann oder soll.
Selbstorganisation hat zur Voraussetzung, dass alle Beteiligten schlecht informiert sind und schlecht informiert sein müssen damit sie gelingt. Denn worüber sollte man gut informiert sein, wenn keine Organisation vorhanden ist, die Vorentscheidungen darüber festlegt, was inkludiert und was exkludiert wird? Selbstorganisation entsteht von selbst und unvorhersehbar und ist darum nicht das Ergebnis gut informierter Verhältnisse.
Unter diesen Voraussetzungen haben sich durch Internet Kommunikationen gekoppelt und strukturiert. Darunter fiel irgendwann auch die Erwartung, die Bedingungen für diese Art der Kommunikation in die Organisation einer Partei zu überführen. Übersehen wird nun, dass Organisation und Selbstorganisation einen Widerspruch bilden: man kann Selbstorganisation nicht organisieren. Die Relevanz der Piratenpartei ergab sich durch ihre erfolgreiche Selbstorganisation; und ihren Niedergang erlebt sie in dem Augenblick, indem versucht wird, diese Selbstorganisation in formalisierte Entscheidungsfindungsverfahren zu überführen.
Denn Organisationen verlangen aufgrund formalisierter Entscheidungsfindung, dass Unterschiede von gut/besser informiert strukturiert sind. Nur wer besser oder vorteilhaft informiert ist, setzt sich durch. Alle anderen verlieren den Machtkampf, erklären sich widerwillig einverstanden, scheiden aus oder gründen eine weitere Organisation, die nach dem selben Muster entsteht.
Man könnte das auch so formulieren: wenn die Piratenpartei eine organisierte Partei sein sollte, in der jeder gleichberechtigt mitmachen, mitreden und mitentscheiden darf und sogar sollte, dann hat sie kein Organisationsproblem, weil sie es bei Selbstorganisation belassen kann.
In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass für die Mitglieder der Piratenpartei dieser Zusammenhang als blinder Fleck fungiert, der die Entwicklung der Parteiorganisation steuert.

Letzter abgelehnter Vortrag: “Web 2.0 – Das Publikum wird publiziert

Etwas über Ideologie und Theorie 2

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Und wo sich schließlich eine Welt ergibt, die nur so und kaum anders erwartbare Strukturen erzeugt, werden diese Strukturen zum blinden Fleck ihrer eigenen Möglichkeiten. Denn mag sich zwar auch die Einsicht ergeben, dass alles auch ganz anders sein könnte, so zeigt sich aufgrund der Empirizität dieser Strukturen, dass etwas anderes nur beobachtbar werden kann, wenn es gemäß selbstähnlicher Strukturen und entlang ihrer operationalisierbaren Differenzen als nicht ganz anders erfassbar ist. So wird Kontingenz auf struktureller Ebene, weil die Strukturen ihre eigene Kontingenz miteinschließen, zwar jederzeit erfahrbar, aber operativ gibt es keine Ausweichmöglichkeiten. Operativ gilt: nur so und nicht anders. Mag zwar Anderes prinzipiell nicht ausgeschlossen sein, so ist es doch beinahe unmöglich, etwas ganz anderes zu machen.
Das erklärt die sonderbare Überzeugungskraft von Faktizitäten, die eigentlich nichts anderes sind als soziale Ordnungsresultate, welche aufgrund ihrer mitunter sehr schwierigen, aber erfolgreichen Ausdifferenzierung für Anschlussfindungsoperationen, die sich dieser Ordnung zu widersetzen versuchen, eine beinahe unüberwindbares Hindernis darstellen. Fakzitäten sind nichts anderes als harte, weil komplexe Formen, die aufgrund ihres Erfolgs die Bedingungen ihres Erfolgreichwerdens verschleiern und ihre Kontingenz auf operativer Ebene gleichsam inkommunikabel machen. Wo von Faktizitäten leicht und schnell die Rede ist, kann über ihre Kontingenz – zumal das Ordnungsresultat nur möglich ist durch eine komplexe Vielzahl an Möglichkeiten der Referenzierbarkeit – fast nicht mehr gesprochen werden.

Interessanterweise führt dies nicht dazu, den Tempel für abgebrannt zu halten, vielmehr wird in der Regel nur auf Ideologie abgestellt und entsprechende Vorwürfe geäußert um sich aus der Inkommunikablität zu befreien. Tatsächlich wird sie damit immer nur verstärkt, weil ja, wie oben beschrieben, alle Ideologiekritik den Bedingungen und Strukturen von Organisationssystemen unterliegt; folglich führt dies innerhalb eines schmalen Selektionsraumes, durch knappe Ressourcen und unter Berücksichtigung komplexer Regelwerke nur dazu, diese Regelwerke um eine weitere Schleife zu bereichern. Ergebnis: Ideologie und Ideologiekritik sind in diesen Verhältnissen nur Selektionen zur Erschwerung und Radikalisierung von Rechtfertigung, ohne, dass sich strukturell genauso wie operativ irgendetwas ändern könnte. Daran hat sich alle Ideologiekritik totgelaufen.

Interessant wird dieser Fall erst dann wieder, wenn sich Strukturalternativen zeigen, die sehr wohl eine Aussicht darauf ermöglichen, dass die selbsterzeugten Notwendigkeiten von Organisationssystemen keine Notwendigkeiten haben. Das geht, wenn nicht nur anders möglich ist, sondern wenn Anderes auch geschieht, weil es wählbar geworden ist. Gemeint sich damit Unerfahrenheiten, die sich durch Internetkommunikationen ergeben.
In dem Fall heißt das, dass Ideologie die Rechtfertigung dafür darstellt, eine empirisch mögliche Alternative nicht zu testen, nicht zu prüfen, nicht in Anspruch zu nehmen und sie entsprechend nicht zu wählen. Indem Fall ist Ideologie nur Rechtfertigung für Lernverweigerung, welche sich gleichwohl sehr gut rechtfertigen lässt.
Tatsächlich ist diese Rechtfertigung aber gar nicht von entscheidender Bedeutung, sie ist redundant wie übrigens das Internet überhaupt.

Fortsetzung folgt.

 

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