Differentia

Tag: Organisation

Etwas über Ideologie und Theorie 2

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Und wo sich schließlich eine Welt ergibt, die nur so und kaum anders erwartbare Strukturen erzeugt, werden diese Strukturen zum blinden Fleck ihrer eigenen Möglichkeiten. Denn mag sich zwar auch die Einsicht ergeben, dass alles auch ganz anders sein könnte, so zeigt sich aufgrund der Empirizität dieser Strukturen, dass etwas anderes nur beobachtbar werden kann, wenn es gemäß selbstähnlicher Strukturen und entlang ihrer operationalisierbaren Differenzen als nicht ganz anders erfassbar ist. So wird Kontingenz auf struktureller Ebene, weil die Strukturen ihre eigene Kontingenz miteinschließen, zwar jederzeit erfahrbar, aber operativ gibt es keine Ausweichmöglichkeiten. Operativ gilt: nur so und nicht anders. Mag zwar Anderes prinzipiell nicht ausgeschlossen sein, so ist es doch beinahe unmöglich, etwas ganz anderes zu machen.
Das erklärt die sonderbare Überzeugungskraft von Faktizitäten, die eigentlich nichts anderes sind als soziale Ordnungsresultate, welche aufgrund ihrer mitunter sehr schwierigen, aber erfolgreichen Ausdifferenzierung für Anschlussfindungsoperationen, die sich dieser Ordnung zu widersetzen versuchen, eine beinahe unüberwindbares Hindernis darstellen. Fakzitäten sind nichts anderes als harte, weil komplexe Formen, die aufgrund ihres Erfolgs die Bedingungen ihres Erfolgreichwerdens verschleiern und ihre Kontingenz auf operativer Ebene gleichsam inkommunikabel machen. Wo von Faktizitäten leicht und schnell die Rede ist, kann über ihre Kontingenz – zumal das Ordnungsresultat nur möglich ist durch eine komplexe Vielzahl an Möglichkeiten der Referenzierbarkeit – fast nicht mehr gesprochen werden.

Interessanterweise führt dies nicht dazu, den Tempel für abgebrannt zu halten, vielmehr wird in der Regel nur auf Ideologie abgestellt und entsprechende Vorwürfe geäußert um sich aus der Inkommunikablität zu befreien. Tatsächlich wird sie damit immer nur verstärkt, weil ja, wie oben beschrieben, alle Ideologiekritik den Bedingungen und Strukturen von Organisationssystemen unterliegt; folglich führt dies innerhalb eines schmalen Selektionsraumes, durch knappe Ressourcen und unter Berücksichtigung komplexer Regelwerke nur dazu, diese Regelwerke um eine weitere Schleife zu bereichern. Ergebnis: Ideologie und Ideologiekritik sind in diesen Verhältnissen nur Selektionen zur Erschwerung und Radikalisierung von Rechtfertigung, ohne, dass sich strukturell genauso wie operativ irgendetwas ändern könnte. Daran hat sich alle Ideologiekritik totgelaufen.

Interessant wird dieser Fall erst dann wieder, wenn sich Strukturalternativen zeigen, die sehr wohl eine Aussicht darauf ermöglichen, dass die selbsterzeugten Notwendigkeiten von Organisationssystemen keine Notwendigkeiten haben. Das geht, wenn nicht nur anders möglich ist, sondern wenn Anderes auch geschieht, weil es wählbar geworden ist. Gemeint sich damit Unerfahrenheiten, die sich durch Internetkommunikationen ergeben.
In dem Fall heißt das, dass Ideologie die Rechtfertigung dafür darstellt, eine empirisch mögliche Alternative nicht zu testen, nicht zu prüfen, nicht in Anspruch zu nehmen und sie entsprechend nicht zu wählen. Indem Fall ist Ideologie nur Rechtfertigung für Lernverweigerung, welche sich gleichwohl sehr gut rechtfertigen lässt.
Tatsächlich ist diese Rechtfertigung aber gar nicht von entscheidender Bedeutung, sie ist redundant wie übrigens das Internet überhaupt.

Fortsetzung folgt.

 

Etwas über Ideologie und Theorie 1

Der Ideologie entkommt nur, wer keine Chance hat, sie durchzusetzen. (Herkunft)

Das Spiel von Kritik und These, Argument, Gegenargument, Gegenthese und Fortsetzung der Kritik durch Erweiterung der selben Routine um eine Differenz ist ein bekanntes und erprobtes Spiel, das für seine erfolgreiche Durchführung auf sehr bestimmte Voraussetzungen angewiesen ist, damit die Routine inklusive ihrer mitunter sehr differenzierten Variationsmöglichkeiten erwartungsgemäß ablaufen kann. Das Spiel der Kritik unterliegt der Determination spezifischer Strukturen, die durch Kritik selbst wiederum reproduziert werden. Und das Spiel ist sehr voraussetzungsreich.  Eine wichtige, nicht die einzige und nicht die wichtigste, aber eine doch sehr entscheidende Voraussetzung für das Spiel der Kritik ist ein doppelt kontingent strukturiertes Beobachtungsschema, das darauf eingerichtet ist, die verstehbare und erklärbare Welt als eine zu sehen, die von referenzierbaren Gründen determiniert ist. Kritik, wie immer man sie transzendentaltheoretisch fundiert, hat sich durch einen Essentialismus erhärtet, der die doppelte kontingent verteilte Möglichkeit der Ermittlung und Zurechung von verschiedensten Gründen auf etwas Wesenhaftes des zu Bestimmenden und Kritisierenden herunter bricht. So gibt es Essentialismen aller Art, Wesen, Wesenhaftes oder Wesentlichkeiten, Gründe, Urgründe, Sachen und Ursachen, Sein und Seiendes, die als Rechtfertigung dienen, um den Anfang eines Durchlaufs der Kritikoperation zu legitimieren.
Die Voraussetzung dafür findet sich in der funktionalen Ausdifferenzierung von modernen Organisationssystemen, die als Sozialisations- und Vergesellschaftungsinstanz sehr entscheidend dazu beitragen, durch ihre komplexen Regelwerke die Beobachtung des Zufalls wenn nicht zu unterdrücken, so doch als Rechtfertigungsgrund für das Zustandekommen sowohl des Zirkels der Kritik als auch für das Zustandekommen von Organisationen auszuschließen. Aber warum wird Rechtfertigung von Meinung, Handlung und Entscheidung so bedeutend? Und wie entsteht die Notwendigkeit, für alles und jedes Gründe zu finden, ja, wie kommt die Selbstverständlichkeit zustande, es müsse für alles einen Grund geben, und wie kann ernsthaft glaubhaft gemacht werden, dass alles Mögliche auch begründbar sei?

Diese Fähigkeit zur Verplausibilisierung der durch die Systeme selbst hergestellt Notwendigkeiten, die selbst nicht auf Notwendigkeiten beruhen können, weil ja die Kenntnis von der Veränderung gesellschaftlicher Strukturdifferenzierung zur Basiseinsicht einer jeden Soziologie gehört, gelingt in Organsationen dehalb, da sie als Machtapparate den Zugriff auf Ressourcen gestatten und durch diesen Zugriff eine Knappheit dieser Ressourcen erzeugen. Knappheit heißt für moderne Verhältnisse, dass zwar diese Ressourcen im Prinzip allen offen stehen, aber nicht alle Zugang finden können. Das heißt es müssen Vorkehrungen für Exkludierung getroffen werden, um die Verteilung der Ressourcen gegen Widrigkeiten sicher zu schützen. Das geht im Fall der modernen Gesellschaft durch Inanspruchnahme von Recht und seiner Durchsetzung. Diese Durchsetzung legitimiert sich wiederum dadurch, dass Recht allen offen steht und dass es für jede Missachtung von Recht eine Ansprechinstanz geben muss, um entsprechende Kritik adressabel zu machen. Und wo solche Ansprechinstanzen nicht zustande kommen, wird dies wiederum durch Kritik gerechtfertigt oder, andersherum: es wird durch Kritik eine weitere Ansprechinstanz geschaffen, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass dies auch durch Gewalt geschehen kann und erfahrungsgemäß auch nicht selten geschieht.

So – wenn auch verkürzt betrachtet – differenziert sich eine soziale Welt, eine Welt erschaffen durch Organisationssysteme, in der es für alles Gründe gibt, weil Gründe – erst recht, wenn diese Strukturen erfolgreich trivialsiert wurden – überall mitgeteilt und sehr leicht zu finden und zu formulieren sind. Und wo dies geschieht, muss sich ein Selektionsdruck verstärken, der Revlativierung, Beliebigkeit, Indifferenz und Willkür als Rechtfertigungsmöglichkeiten verhindert, erschwert oder unterdrückt. Dieser Selektionsdruck schlägt sich auch nieder in Ideologien, Kritik dieser Ideologien und darin, dass dieser Selektionsdruck im Prinzip seinen eigenen Widerstand mit erzeugt und diesen differenziert, was auch bedeutet: jede Sichtweise, jede Meinung, jede Handlung, jede Entscheidung und sei es mit noch so großem Propagandaaufwand rechtfertigen zu können. Am Ende entsteht ein Welt, in der der Krümmungsgrad von Bananen genaso gerechtfertigt werden kann wie Massenmord.

Fortsetzung

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