Differentia

Tag: Demokratie

Kommentar zu Die Unschuld der Macht von Dirk Baecker #piratenpartei

Man kann den nun etwas abflauenden Überraschungserfolg der Piratenpartei als einen Beleg dafür werten, dass sich alle Beteiligten noch einmal mit Lust vorgestellt haben, man könne Macht ausüben, ohne über jemanden zu herrschen. Das ist eine der großen Illusionen der Moderne schlechthin: dass sich immer dann, wenn die Vernunft einer Sache deutlich wird, wie zum Beispiel der ökologische Umbau der Gesellschaft oder die Reform des Urheberrechts, der Widerstand gegen sie von selbst erledigt. Letztlich läuft diese Illusion auf die nicht zufällig in Deutschland besonders verbreitete Meinung hinaus, Machtausübung sei an sich eher böse und könne mit hinreichendem Sachverstand erübrigt werden. Man braucht die Macht nur für jenen Augenblick, in dem die Unbelehrbaren von ihren Posten vertrieben werden müssen. Danach setzt sich in einer Art Objektokratie die Einsicht in die Vernunft wie von selbst durch, und die Politik kann sich darauf beschränken, zu ihrer Durchsetzung geordnete Verfahren bereitzustellen.

http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/angst-vor-der-macht

Meine Frage an Dirk Baecker ist: was verbleibt als Möglichkeit, wenn die Unschuldsillusion der Machthabenden verblasst, verschwindet oder wenigstens nicht mehr ganz so relevant eingeschätzt würde? Welche politischen Möglichkeiten würden sich zeigen, wenn die Rettung der Unschuld nicht mehr attraktorbildend wirkt? Könnte man vermuten, dass politische Vernunft dann erst die besten Chancen hätte? Bewirkte ein Verzicht auf Unschuldsbegehren eine radiale Versachlichung der Verhandlung?

Und außerdem: Kann man noch ausreichend gut erklären, dass Macht etwas mit Beherrschung zu tun hätte? Auch in der Politik?

 

Ironie, eine Abnutzungerscheinung der kritischen Disziplin

Sich kritisch zu zeigen, Kritik zu äußern, ein kritisches Bewusstein zu fordern, es zu empfehlen, zu pflegen, Kritik einzuüben war eine höchst gefährliche Angelegenheit zu einer Zeit, als sich die Merkmale einer zivilisatorischen Zuverlässigkeit durch Erwartungen auf gottgefälligen Gehorsam und Untertanentum ergaben.
Die allgemeine Kritik der Gesellschaft fand ihren Ursprung in der Ausweitung eines Welthorizonts, der mit der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaftsstruktur während der Industrialisierung in eine explosionsartige Zunahme an Verstehensweisen mündete; eine Zunahme, welche es schließlich unmöglich machte, dass irgendetwas in der Welt unbemerkt, unerforscht, unerklärt und unkritisiert bleiben konnte. Die Welt wurde in dem Maße größer wie die Menge der thematisierbaren und dadurch auch kritisierbaren Sachverhalte anstieg und sich ihre Kommunikabilität beschleunigte. Für Strukturen, die Gehorsam erforderten, hatte sich dadurch das Spektrum an Voraussetzungen enorm verringert. Als paradigmatische Beispiel nehme man nur die Entwicklung der Pädagogik. Zug um Zug wurden, wenn auch nicht überall gleichzeitig, einerseits Positionen geräumt, die auf die kontrollierende Beherrschung der individuellen Freiheit abzielten, während anderseits und umgekehrt die Entfaltung der individuellen Freiheit in ihrer Selbstkontrollfunktion beherrschbar wurde. Beides war bedingt durch soziale Erfahrungsbildungsprozesse, die durch ein Austarieren des Verhältnisses von Notwendigkeit und Möglichkeit Voraussetzungen für Strukturen entwickelten, welche schließlich ihre Ausgangssituation in Vergessenheit geraten ließen. Kein lebender Mensch in Deutschland weiß mehr was es bedeutet, ein kaiserlicher Untertan zu sein. Und dennoch: man könnte glauben, dass die demokratische Freiheit das geblieben ist, was sie ehedem war: eine Utopie – für die einen ein Schreckensbild, für die anderen eine Befreiungstat. So hat Demokratie immer noch etwas Dämonisches an sich, allein die Gründe sich zu fürchten nehmen ständig ab.

Denn tatsächlich ist die Ausgangssituation für die Akzeptanz demokratischer Gewohnheiten eine gänzlich andere geworden. Die Legitimität der demokratischen Freiheit wird, dies gilt namentlich für den europäischen Bereich, nur noch von der legitimen demokratischen Freiheit selbst bestritten. Wie auch immer Demokratiedefizite benannt werden, allein, dass sie benannt werden dürfen und benannt werden sollen zeigt, wie hoch die Wertschätzung für Demokratie ist.  Ihre Wertschätzung verdankt sich aber einer halbseitigen Beurteilung: ihre Erfolge und Gewinne können nicht wirklich befriedigen, ihre Defzite erscheinen dagegen um so obszöner. So kann die Wertschätzung für Demokratie eigentlich nur gelingen, wenn es gelingt, die Mangelhaftigkeit ihres Entwicklungsszustands festzustellen. Demokratie ist darum Hoffnung auf Demokratie, ist Wunschtraum, ist eine paranoische Imagination als Reflexion eines unvermeidlichen Erdendaseins, ist ein säkularer Erlösungsglaube ohne Alternative.

Und ganz langsam kann man erste Abnutzungserscheinungen bemerken. Die Abnutzungserscheinungen würde ich an der zunehmenden Akzeptanz des Verzichts auf Ernsthaftigkeit ablesen. Ernsthaftigkeit, Seriösität, Überzeugungsfähigkeit, Glaubwürdigkeit dürften nur dann noch relevant sein, wenn immer auch Ironie im Spiel ist. Denn mit Ironie wird Selbstreflexivität bemerkbar und nur dann kann Kritik noch halbwegs erträglich sein, wenn man bemerken kann, dass alles auch ganz anders hätte formuliert und verstanden werden können. Wie kommt das?

Der Grund dafür dürfte in der gänzlichen veränderten Ausgangssituation liegen. In ihrer Entstehungszeit hatte Demokratie Gegner als Gegner, jetzt hat sie nur noch Anhänger als Gegner, denen es nicht gut gelingt, sich gegenseitig Feindschaft anzubieten. Und solange die Disziplin der Kritik sich allseitiger Wertschätzung erfreut, ist Ironie das einzige Mittel, sich mit ihrem Scheitern langsam anzufreunden.

Die virulente Ironie ist ein Ausschleichungsprozess in Form der langsamen Verdünnung der kritische Diszplin durch Einführung von Selbstreflexivität.

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