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Tag: Dämonie

dämonischer Schreck, parasoziale Beobachtung – ein Beispiel

Es gibt einen bekannten Kinderspaß, den man als Beispiel für eine parasoziale Beobachtungssituation anführen kann, und der in kommunikationstheoretischer Hinsicht ganz interessant ist. Dieser Kinderspaß, der auch bei Erwachsenen gelegentlich nicht verpönt ist, geht ganz einfach so, dass sich jemand von hinten unbemerkt an eine andere Person heranschleicht mit dem Vorsatz, dieser Person von hinten plötzlich ein “Buh!” ins Ohr zu stoßen. Der Spaß besteht in dem vorhersehbaren Schrecken, den diese Person erfährt und durch die Freude darüber, dass sich die Vorhersage vollständig erfüllt hat.
Aber bevor der Schrecken kommunzierbar wird, handelt es sich um eine parasoziale Beobachtungssituation, die Kommunikation auf dämonische Weise durchsetzt. Dämonisch soll hier bedeuten, dass die beobachtbare Fassung des Vorsatzes und die Durchführung der Handlung nicht in Begriffen eines legitimen oder verantwortungsvollen Handelns gefasst werden kann. Diese Handlung ist weder legitim noch illegitim, weder verantwortungsbewusst noch verantwortungslos – es ist dämonisch. Legitim ist das nicht, weil das Sicherheitsempfinden der anderen Person angetastet wird, denn sie wird ja gleichsam überfallen. Illegitim ist das aber auch nicht, weil die Handlung mit der Absicht durchgeführt wird, ihren unschuldigen Spaßcharakter aufzudecken; entsprechend muss weder Verantwortlichkeit gerechtfertigt werden, noch kann Verantwortungslosigkeit bei Aufdeckung des Spaßcharakters als Vorwurf plausibel sein. Vielmehr wird durch dieses Spiel die Übernahme einer Fairnessbereitschaft provoziert. Fairness bedeutet, dass sich die erschreckte Person zum nachträglichen Einverstädnis aufgefordert fühlen soll; sie soll akzeptieren, einfach Pech gehabt zu haben, was sie deshalb kann, weil dieses Zugeständnis ansonsten keine weiteren Folgen für sie hat.
Die vorhergehende parasoziale Beobachtungssituation ist klar: es findet keine Kommunikation statt, und es kann nicht komuniziert werden, dass das so ist. Weil nur eine Person die andere Person wahrnimmt, entsteht für beide Personen eine ganz völlig verschiedene Informationssituation, die durch keine Wahl einer Unterscheidung geteilt wird. Person A weiß, was Person B nicht weiß, aber bald in Erfahrung bringen kann. Person B weiß nicht, dass sie dies nicht weiß und findet nirgends eine Veranlassung, sich darüber zu irritieren.

Lässt man einmal den Spaßcharakter des Spiels beiseite, dann könnte man es als ein Dispositiv auffassen, mit dem man zeigen kann, wie eine parasoziale Beobachtungssituation in eine soziale Situation umschlägt, die zum Vorteil einer Person und zum Nachteil der anderen Person ist. Diese Verteilung von Vorteil und Nachteil geschieht operativ ohne jeden Verlass auf strukturelle Integrität. Allgemein sind solche Situationen in den Vermeidungsstrukturen der modernen Gesellschaft entweder als Kinderspaß marginalisiert oder als Form der Kunst oder Fernsehunterhaltung etabliert, z.B. als Streiche mit versteckter Kamera, siehe das Video unten, das diesen Kinderspaß sehr professionell variert. Alle anderen Möglichkeiten, wo sie praktikabel werden, unterliegen der Pflicht einer ethischen Reflexion, wie z.B. bei ethnologischer oder soziologischer Feldforschung oder werden wie bei medizinischen Doppelblindstudien durch Erwartung auf Menschennutzen legitimiert.

Allgemein vermute ich, dass die Dämonien, die durch Internet entstehen, nunmehr dafür sorgen, dass solche parasozialen Beobachtungssituaitonen auf dämonische Weise entmarginalisiert werden mit allem was dazu gehört, insbesondere was die Beobachtung eines allgemeinen Erschreckens ob dieser Dämonien betrifft.

Siehe dazu: Eine Bemerkung zu parasozialer Interaktion

 

Das dämonische Gefasel @christorpheus

Rainer Maria Rilke
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Gedicht von R.M. Rilke wird von christorpheus add in einem Blogpost mit dem Titel Verstehen ist Spekulation verlinkt. Der Blogpost thematisiert ein altes Problem, das schon bei Platon und bei Paulus zur Sprache kam und noch nichts von seiner Prominenz verloren hat. Dabei geht es um die theologische Unterscheidung von Menschenwort und Gotteswort, ein Unterscheidung, die insbesondere in theologischen Diskursen der Bibelübersetzung bis heute diskutiert wird: Wahrheit!

Martin Heidegger erläutert in seiner Parmenides-Vorlesung das Wesen des Dämonischen in der antiken Philosophie. Das Dämonische ist bei Heidegger kein verborgener Geist, die Inkarnation des Bösen oder des Obsessiven, sondern das Dämonische wird mit dem Wesen des Philosophischen verglichen. Das Geschäft der Philosophie sei ein professionelles Gestammel. Heidegger zitiert zu Beginn seines Exkurses über das Dämonische Aristoteles: “Aristoteles erwähnt einmal Eth. Nic., Z 7, 1141 b 7ff. die Grundauffassung, die stets innerhalb des Griechentums die Ansicht über das Wesen der Denker bestimmt: (…) Man sagt, sie (die Denker) wissen zwar Überschwengliches und also Erstaunliches und somit Schwieriges und deshalb ‘Dämonisches’, aber dies sei auch das Unbrauchbare, weil sie nicht das suchen, was so geradehin nach der Menschen Meinung für den Menschen das Taugliche ist.'” (1)

Der Mensch höre, hört er einen Philosophen reden, nur einen Menschen reden, weshalb der Philosoph aufgrund seines Zugangs zur Weisheit (oder vielleicht auch Wahrheit) darauf reagiend immer auch sein eigenes Gestammel mitberücksichtigen müsse, um seinem Zuhörer zu vermitteln, dass das Gesagte niemals auch das Gemeinte sei. So müsse der Phiosoph beständige Verkehrungen, Verdrehungen, Selbstwidersprüche, Verzerrungen oder auch Verfälschungen ausprobieren, um seinem Zuhörer die Urteilsgewissheit zu nehmen und dadurch die philosophische Spekulation, also Kontingenz zu provozieren.

Nachdem nun die akademische Philosophie unser Zeit hautpsächlich damit befasst ist, die Literatur ihrer Tradition zu verwalten, und manches spricht dafür, dass dies schon zu Heideggers Zeit der Fall war, und die Philosophie dabei ihren elitären Ausgangspunkt, der für die faustische Gelehrsamkeit konstitutiv war, durch den Ausbau der Massenuniversität verloren hat, so könnte man nunmehr den Gedanken ernst nehmen, dass in Menschmeinung nichts anderes zum Ausruck kommt als die Latenz der dämonischen philosophischen Spekulation. Nicht nur ist jeder Philosoph ein Mensch, sondern jetzt ist jeder Mensch auch ein Philosoph, was bedeutet, dass jetzt erst, aufgrund der vollständigen Trivialität aller Meinungen, das Dämonische der Philosophie erkennbar und sozial irritierbar wird, weil zu jedem Zeitpunkt Philosophenmeinung auf Philosophenmeinung trifft. Denn in der modernen Gesellschaft zerfällt die elitäre Form der übergeordneten Beobachtungsposition der Philosophie in eine Heterarchie der Positionen, welche jederzeit – aufgrund der sozialen Selbstverwirklichung tranzendentaler Subjektivität – nicht nur Meinungsrecht, sondern auch Behauptung von Wahrheit in Anspruch nehmen können. Erst jetzt, so würde ich spekulieren, kann eine Latenz des Dämonischen der Philosphie bemerkt werden, weil jetzt, wenn jeder Mensch ein Philosoph ist, die Vermutung aufringlich wird, dass – bei unverzichtbarer Legitimität jeder Meinung – diese Legitimität dazu dient, all das, was sie zustande bringt, zu ignorieren, nämlich: die Irritabilität von Kommunikation.
Kommunikation kann zwar dafür sorgen, dass das Recht auf Meinung und Wahrheit jedem zugeteilt werden kann, im Gegenzug kann sie aber auch dafür sorgen, dass ihre Irritabilität durch die Legitimität ihrer Ergebnisse gleichsam wieder verschluckt wird. Die Irritabilität der Kommunikation mag die Zuteilung von Recht, von Rederecht erwirken, diese Bewirkungen können aber auch wieder die Irritabilität der Kommunikation einschränken.

Das kann Angst machen, man kann aber auch bemerken, dass solche Angstbekundugen ganz leicht und unbekümmert “geweissagt” werden können.

(1) Martin Heidegger, Gesamtausgabe, II. Abteilung: Vorlesungen 1923-1944, Band 54 Parmenides, S. 148.

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