Differentia

Tag: Bilddokument

Eine kleine Paranoik des Zeigens und Verbergens

zurück zu: Bitte weitersagen: Dein Gesicht ist nicht das Originalbild

Wer dieses Bild betrachtet, versteht den Witz sofort. Aber möglicherweise blockiert die Witzigkeit des Bildes ein gründlicheres Nachdenken darüber, womit man es hier zu tun hat. Das Witzbild verbirgt womöglich nur eine sehr ernste Sache, welche es ob ihrer vorzeigbaren Komplexität nicht zulässt, darüber zu lachen.

Jedes Bild, nicht nur das digitale Bild, könnte man als ein Vexierbild begreifen, wobei das Vexierspiel nicht eigentlich ein Spiel mit Täuschung und Betrug ist. Dieser Eindruck entsteht nur, solange der dokumentarische Charakter des Bildes betont wird, solange es gelingt, glaubhaft zu machen, dass die durch ein Bild kommunizierte Wahrnehmung “Echtheit” verbürgt. Solange durch ein Bild die Abschneidung von Kontingenz kommuniziert werden kann, die ein “so-und-nicht-anders” routinemäßig markiert, mag sich die Welt auf diese Weise auf einen Charakter der Wirklichkeit einrichten, der sich insbesondere dadurch auszeichnet, seinen Herstellungs- und Formenfindungsprozess nicht verstehbar zu machen.

Dieses Bild macht aber deutlich, was aller Bildproduktion, egal ob mit digitalen Verfahren, mit fotochemischen oder auch nur mit Techniken der Malerei als Bedingung voraus geht, durch die Bilder verständlich werden: man muss schon verstanden haben, worum es geht, damit man das Bild verstehen kann. Was auch bedeutet, dass man immer schon andere Bilder kennen muss, um dieses zu verstehen. In diesem Fall also muss man wissen, dass die Thematisierung einer obszönen Geste durch ein Beobachtungsschema der Obszönität auf das Gegenteil ihrer Beobachtungsleistung aufmerksam macht. Der obszöne Charakter des Bildes besteht damit nur darin, dass im Prinzip jede noch so harmlose und belanglose Situation in ihr Gegenteil verkehrt und durch massenmedial vermittelbare Gewohnheit selbst als harmlos in Erscheinung treten kann. Die Obzonität hat alles Vulgäre abgestoßen und reduziert sich auf die selbstreferenzielle Technik des Witzemachens, die bei Einübung und routinierter Wiederholung immer witzloser wird.
Allerdings kann das Bild seine Selbstreferenz nur durch fremdreferenzielle Ablenkungs- und Verwirrungsmanöver inszenieren, weil andernfalls jedes Bild nur leer und stumm bliebe, ja selbst Stummheit und Leere wären nicht bemerkbar, würden nicht irgendwelche Unterschiede markiert sein, die darauf aufmerksam machen. Das Bild liefert in diesem Sinne nichts, was ohne es unverstehbar bliebe, sondern liefert nur den Anlass für Irritationen, die ihre selbstreferenziellen Schleifen mit Hilfe einer anderen Schleife ignorieren. Diese Ignoranz zeigt sich insbesondere in der hartnäckigen Behauptung, ein Bild könne “die Wirklichkeit” wiedergeben, oder wie dies Botschaft dieses Bildes, welche lautet: “Die Wirklichlichkeit ist eine andere.” Denn auch diese gegenteilige Behauptung will auf Referenzierbarkeit von Wirklichkeit bestehen, die die Eigenheit des Abgebildeten mit seiner Fremdheit vertauscht. Gerade darin besteht der Witz des Bildes, seine obszöne Belanglosigkeit.

Entsprechend ist nur dieser Vertauschungsvorgang die Wirklichkeit des Bildes, bzw. die Wirklichkeit seiner Kommunizierbarkeit. Wenn auch dieser Vertauschungsvorgang weder auf Licht noch auf neuronale Prozesse der Wahrnehmung verzichten kann, so findet dieser Vorgang weder im Licht noch im Gehirn irgendeine ihn tragende Substanz, die diese Vertaschungsleistung als wiederauffindbare Wirklichkeit garantiert. Weder ist Wahrnehmung wahrnehmbar noch ist Licht hell.
Dieser Vertauschungsvorgang ist das Vexierspiel, das durch das Bild ermöglicht wird. Dabei ist dieser Vertauschungsvorgang nicht zu verwechseln mit einem Vorgang der Täuschung, wenn dies auch unter Berücksichtigung eines Dokumentschemas nimmermüde behauptet wird. Gerade diese Behauptung, Bilder könnten Wahrnehmung täuschen macht nur auf diesen Vertauschungsvorgang aufmerksam, da Bilder ja genauso gut auch aufklären können. Der Unterschied zwischen Täuschung und Aufklärung kann damit durch das Bild nur angeboten werden. Der Vollzug der Zurodnung von Beobachtungsleistungen auf das eine oder andere ergibt sich aber durch eine dritte Möglichkeit, die durch kein Bild ermittelbar ist. Gott bleibt unsichtbar, soviel Bilder man sich auch immer von ihm machen möchte: die Unterschiede, die durch Wahrnehmung entstehen, sind nur verstehbar, wenn etwas Drittes, das weder Wahrnehmung noch Lichtreflex ist, diese Unterschiede unterscheiden kann.
Die von Google und Facebook eingerichtete automatische Gesichtserkennung ist in dieser Hinsicht vielleicht eine soziale Systemstrategie eines Erzwingungsversuchs, der darauf hinaus will, das Bild der Wirklichkeit als eine Wirlichkeit des Bildes anzuerkennen. Man könnte auch sagen, der Erzwingungsversuch stopft die Löcher für Ausflüchte, Ausreden, für Irritationen, die die Referenzierbarkeit der Welt als kontingenzverringernde Fremdheitserfahrung dokumentiert finden wollen. So könnte man die Gesichtserkennung ebenfalls als ein diabolisches Angebot verstehen: Was wäre, wenn du nun erkennen musst, dass das Bild deines Abbildes nichts mit dem zu tun hat, was dir als letztes Heiligtum verblieben sein mag: Identität. Was wäre, wenn die Diabolik dir das Angebot unterbreitet, dass du dein Heiligtum nur dann weiter pflegen kannst, wenn du darauf verzichtest? Denn der Vertauschungsvorgang, den das Bild ermöglicht, wird damit nicht außer Kraft gesetzt, sondern durch Sublimierung nur effizienter gestaltet und damit zugleich aller Willkür entzogen.
Wenn man infolge dessen mit Bildern nicht mehr oder nur noch sehr schlecht täuschen kann, so kann man mit ihnen auch nicht aufklären.

Bilder liefern dann veilleicht die Kommunikationsmöglichkeiten für paranoische Beobachtung, die ihren Wirklichkeitsbezug aus einer Kontingenzerweiterung bezieht.

Die Simulation von Text- und Bilddokumenten im WWW 1

Das World Wide Web hat zu einer veränderten Struktur der Repräsentation von Dokumenten aller Art geführt. Die Veränderung besteht in der Herausbildung von Simulationen, die ein von der Empirieform einer funktional-differenzierten Gesellschaft abweichenden Charakter haben. Wie dadurch Verbindlichkeiten als Ergebnis einer sozialen Ordnung erzeugt werden können, ist bislang noch nicht absehbar; allein, es muss gegenwärtig reichen, den Lernprozess selbst in eine Textsimulation zu dokumentieren.
Der Lernprozess geschieht wie alles andere auch nicht voraussetzungs- und erfahrungslos. Bereits mit der Verwendung automatischer Gliederungsprogramme wie sie in Textverarbeitungen möglich sind, ergibt sich der Effekt, den Text graphisch auf der Bildschirmoberfläche zu repräsentieren. Das galt zunächst nur für den Schreiber des Textes, da man noch gewohnt war, den Text als Dokument aufzufassen und die Nachbearbeitung über den Umweg eines Dokumentendrucks vorzunehmen. Das vernetzte Hypertextsystem des World Wide Web radikalisiert diese Verfahrensweise, indem die Dokumentform für Leser und Schreiber aufgebrochen wird. Der Schreibende gestaltet auf dem Bildschirm ein netzartiges Gefüge. Dieses Bild ist vielgestaltig, assoziativ und komplex. Es besteht aus einer Pluralität unterschiedlicher Pfade und Verweisungen, die der Lesende zu individuell variierbaren Schriftbildern formt, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen der offenen Struktur des Textes und den Interessen und Perspektiven des Lesenden ergeben. Hermeneutische Vollzüge und interpretatorische Prozesse, die sich bei der Lektüre gedruckter Texte allein im Bewußtsein des Lesers vollziehen, werden unter Hypertextbedingungen als Lektürespuren sichtbar, die den Text beim navigierenden Lesen auf der Software-Ebene mitkonstitutieren. Das hypertextuelle Gesamtgeflecht von Icons, digitalen Bildern, Audio- und Videosequenzen sowie linearen Texten läßt sich auf diesem Hintergrund als eine bildhafte Struktur, d.h. als Textsimulation beschreiben. Der Hypertext wird damit in einem in einem Umsetzungsprozess zwischen dem abwesenden Leser und dem abwesenden Autor, welcher die entsprechenden Links in den Text eingebaut hat, erst hergestellt. Durch diese Interaktion auf der semiotischen Ebene vollzieht sich die Verbildlichung der Schrift und damit die Simulierbarkeit von Texten.

Trotzdem bricht die Unterscheidung von Wort und Bild im elektronischen Schreiben nicht vollständig zusammen. Die Unterscheidung kollabiert zwar, aber sie kann sich immer wieder aufs Neue in der Simulation bestätigen. Die Dokumentstruktur bleibt in der Textsimulation aufgehoben. Die Frage allerdings, ob sich im World Wide Web eine semiotisch relevante Veränderung des Umgangs mit Bildern, Lauten und Buchstaben vollzieht ist damit nicht beantwortet. Stellt man eine solche Möglichkeit in Rechnung, dann würde es sich bei den aktuellen Verschiebungen nicht um die einfache Iteration einer quasi-transzendentalen Opposition, sondern um eine medienspezifische Transformation des semiotischen Basisgefüges handeln. Die zeichentheoretische Differenz von Bild und Schrift bräche weder vollständig zusammen, noch bliebe sie starr und unverändert: sie konstituierte sich im Kontext eines medienspezifisch veränderten Gebrauchs vielmehr neu, d.h. sie formulierte den von ihr gemachten semantischen Unterschied auf veränderte Art und Weise und akzentuierte andere Aspekte als bisher. (Weiter)

Siehe dazu auch den Artikel
Performate – Zum Verhältnis von Retroreferenz und Selbstreferenz

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