Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 6

von Kusanowsky

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Der alltägliche Selbstverdacht des transzendentalen Subjetkts bezieht sich, sofern es nicht allein darum geht, die eigenen Schwächen zu kaschieren, auf beinahe alle entscheidenden Unterschiede, die für seine Lebensgestaltung von großer Wichtigkeit sind und durch die es seinen Stolz und seine moralische Selbstwertschätzung erarbeitet. Die Selbstbeobachtung des Subjekts bezieht sich dabei insbesondere auf Angelegenheiten der Identität, welche, wenn sie – wie auch immer ge- oder erfunden und beschrieben wird -  nicht ohne paranoische Beobachtung und Reflexion zustande kommen könnte. Die Frage, wer ich bin, kann nicht gestellt oder beantwortet werden, wenn nicht auch die Frage möglich wird, wer die anderen sind, oder was die anderen glauben, wer ich bin. So fällt Identitätsfindung mit allerlei Problemen zusammen, die nur dadurch gelöst werden, dass man sich entweder mit ihrer Unlösbarkeit abfindet, oder sie ein lebenlang zwecklos durcharbeitet.

Diese Probleme werden von allen zu jeder Zeit bearbeitet und finden folglich Eingang in die massenmedialen Erzählungen dokumentarischer oder fiktionaler Berichterstattung, die – zu Zwecken der Selbstauskunft geben – das paranoische Beobachten geradezu stimulieren. Es reicht daher, diese Probleme mit Stichworten zu bezeichnen, weil jeder sofort weiß worum es geht:
Erinnerungsschwierigkeiten, Vertauschung, Verwechselung, Verirrung, Verkleidung, Verstecken und Maskierung; Bekentnisse darüber, mit irgendetwas gescheitert zu sein; die Thematisierung und Erprobung von Doppelgängerei; auch Versuche, inkognito zu verreisen, zu veröffentlichen, Hochstapeleien und Schwindeleien aller Art, gleichviel ob mit oder ohne kriminelle Absichten; das Rollenspiel im Alltag, einmal jemand anders zu sein; absichtslos andere zu verführen oder auch, sich verführen zu lassen; das romantische Erleben einer ganz anderen Welt eines neuen Bekannten; das Gegenstück ist die ideosynkratische Abwehr, die auch dazu gehört; große oder kleine Pläne und Visionen zu erläutern und Herausforderungen wertzuschätzen.
All diese Dinge sind mit wechselvollen Gefühlen verbunden, ohne welche ein normales Leben gar nicht möglich wäre.

Das paranoische Beobachten und Selbstbeobachten bezieht sich darauf, dass das Subjekt rein prinzipiell mit nichts letztendlich zufrieden sein kann. Es müsste sich selbst ausgerätselt haben, um dies zu vermögen, aber in dem Fall würde sich nur wieder eine weitere Falle auftun, die dann ebenfalls paranoisch durchgearbeitet werden muss.
Dabei handelt es sich um die Illusion, sich von jeder Illusion über sich selbst verabschiedet zu haben.

Fortsetzung

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