Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 5

von Kusanowsky

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Das erstaunlichste Beobachtungsphänomen, das bei der Beurteilung der Verhaltensformen transzendentaler Subjektivität ins Auge fällt, ist der Selbstverdacht. Nichts stimuliert die paranoische Beobachtung so sehr wie der Selbstverdacht. Man begegnet ihm täglich. Es gibt keine Alltagssituation, in welcher der Selbstverdacht nicht auf die eine oder andere Weise die Kommunikation beeindrucken würde. Und häufig könnte die Kommunikation, wenn sie zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelingt, gar nicht ohne diesen Selbstverdacht auskommen.

Denn der Selbstverdacht bezieht sich ja nicht nur auf eine Ängstlichkeit hinsichtlich der eigenen Schwächen. Wenn auch die Ängstlichkeit ein enormer Antrieb für Versuche des Verschleierns des Scheiterns darstellt, so könnte das Aushalten einer beständigen Selbstverdächtigung kaum gelingen, wenn die Ängstlichkeit nicht auch überwunden würde und stattdessen die Testfrage entstehen lässt: Wie mutig bin ich? Was kann mir gelingen? Wem oder was bin ich gewachsen? Also Fragen, die das Scheitern herausfordern, statt es im Ereignisfall der eigenen Beobachtung schamhaft zu entziehen.
Bei jedem Versuch auf einer Party zum Beispiel, wenn man sich in einer Gruppe von unbekannten Menschen befindet, kommt so etwas zum Zuge. Traut man sich einen Witz zu erzählen? Das Übelste wäre, wenn keiner lacht. Wer könnte die Entmutigung ermessen, wenn das geschieht? Insofern ist ein solcher Mut abhängig von der Einschätzung der Situation, die Einschätzung der Stimmung, von der Beurteilung der guten Laune der anderen und ihrer Bereitschaft, sich beeindrucken zu lassen. Und da man zwar Vermutungen darüber anstellen kann, es aber nicht reicht, sich Klarheit zu imaginieren, versucht man es.

Allgemein würde ich behaupten, dass man fremde Menschen umso schneller und umso einfacher kennen lernen kann, wenn man von ihnen den Eindruck hat, dass sie sich selbst  gar nicht so ernst nehmen, dass sie im Gespräch zeigen, wie sehr sie von sich selbst absehen möchten und sich auf ihr Gegenüber einlassen wollen. Wichtig ist dabei, dass sie nicht den Eindruck erwecken durch Neugier Zudringlichkeit zu zeigen. Denn warum will ein fremder Mensch, den ich beim Spaziergehen treffe und mit dem ich ins Gespräch komme, von mir wissen wo ich wohne? Wie ich heiße? Das ist mir schon ein paar mal passiert und war mir  immer irgendwie peinlich. Warum eigentlich?
Beeindruckend war für mich kürzlich folgende Begegnung:

Beim einem Spaziergang mit dem Hund treffe ich einen mir völlig unbekannten Mann, von dem ich den Eindruck hatte, dass er aufgrund einer Baustelle, die den Weg versperrte, die Orientierung verloren hatte. Deshalb sprach ich ihn an und schlug ihm einen anderen Weg vor. Es war aber gar nicht so, ich irrte mich, er kannte sich aus, er wollte die Baustelle besichtigen. Und ganz offensichtlich fand er meine grundlose Fürsorglichkeit so interessant, dass wir in ein längeres Gespräch gerieten, das umso interessanter wurde, da wir beide im Verlauf des Gesprächs Angaben zur eigenen Person, zum eigenen Leben, zu eigenen Einschätzungen nur andeutungsweise einfließen liessen, ohne die Wichtigkeit dieser Angaben zu betonen oder sie durch Nachfrage ermitteln zu wollen. Insofern wir für einander freundlich, aber unzudringlich von uns selbst redeten ohne etwas Wichtiges preiszugeben, wurde das Gespräch immer faszinierender. Wir hatten nichts Wichtiges zu erzählen. Er sprach sehr gut Deutsch mit englischem Akzent und ich bemerkte, dass er mein Bemerken bemerkte, weil ich ganz beiläufig anfing Anglizismen zu benutzen, die ich auch genau so gut hätte weglassen können. Im Verlauf des Gesprächs teilte er mir dann nämlich mit, was ich schon längst ahnte, dass er Engländer sei und ich hatte darauf verzichtet ihn zu fragen, was ihn nach Deutschland führe, obwohl es mich interessierte. Ich bildete mir ein, dass er diesen Verzicht auf Neugier bemerkte und er deshalb das Gespräch viel interessanter fand, was mir auch so ging. Denn ich hatte den Eindruck, dass er auch von mir aus grundloser Freundlichkeit mehr wissen wollte, als ich preisgab, aber auf ein Nachfragen verzichtete.

Das beinahe halbstündige Gespräch unterlag einer sehr komplexen paranoischen Beobachtung. Spontan ereignete sich im Gespräch eine anonyme Freundlichkeit, die einerseits zeigte, wie sehr beide Personen an der Fortsetzung des Gesprächs interessiert waren, und andererseits war es das Verschweigen um das Interesse an der Fortsetzung, das das Gespräch verlängerte. Denn welchen Grund hätte ich angeben können für mein Interesse an der Fortsetzung? Es gab keinen, der außerhalb der Faszination für das Gespräch lag.
Paranoisch war die Faszination für die Grundlosigkeit des ganzen Gesprächs. Und der Selbstverdacht bezog sich darauf, dass der eine merkte wie sehr der andere an ihm interessiert war, ohne dass dies kommunikabel werden konnte.

So geschah die Trennung vom Gespräch aus dem gleichen Grunde wie die Verwicklung: Sie war auch egal und war darum außergewöhnlich.

Fortsezung

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