Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 2

von Kusanowsky

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Es bereitet keinerlei Schwierigkeiten eine kleine Liste paranoischer Beobachtungen zu verfassen.

Einmal kennt jeder paranoische Beobachtungen der Wahrnehmung: Déjà-vu-Erlebnisse, welche allerdings keine Wahrnehmungstäuschungen sind, vielmehr sind sie Beobachtungsprobleme, die nicht aus Wahrnehmung, sondern aus der Beobachtung von Wahrnehmung resultieren. Es gibt eine Steigerung, nämlich den Ausnahmefall des selbstreflexiven Déjà-vu-Erlebnisses, welches zugegebenermaßen sehr erschreckend ist. Zuerst hat man den Eindruck, alles schon einmal erlebt zu haben und sofort stellt sich der Eindruck ein, diesen Erinnerungseindruck schon einmal erinnert zu haben. Zum Glück geht das schnell vorbei.
Andere Erlebnisse sind solche, die sich auch ohne Drogengebrauch einstellen können: die spontane Empfindung, augenblicklich von etwas Bestimmten nicht zu wissen, ob man das neulich nur geträumt hat; oder, indem spontan an einen Traum erinnert wird, während man gerade dabei ist, etwas anderes zu betreiben und dann zu erkennen, dass beides zusammen gehört. Ein anderes Erlebnis ist die Synchronizität von zwei Wahrnehmungen, die sinnmäßig getrennt erfasst werden, für das Bewusstsein aber als Koinzidenz auffallen. Erst neulich habe ich erlebt, dass ich beim Fernsehen meine Frau etwas fragte und ich sofort danach in der Filmhandlung bemerkte, dass von einer anderen Frau eine passende Antwort gegeben wurde. Das war witzig.
Jeder kennt so etwas.
Interessant ist das Phänomen, das bei pathologisierten Paranoikern oft vorkommt und das ich auch gut kenne. nämlich den Eindruck, dass sich bestimmte gemeinsame Auffälligkeiten an verschiedenen Orten bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder zeigen. Einmal fühlte ich mich viele Tage lang von dem Nachnamen “Hessler” verfolgt, der mir ständig begegnete. Robert Anton Wilson berichtet das  berühmte Phänomen, dass ihm seit vielen Jahren ständig die Zahl 23 begegnet, ohne, dass er eine Erklärung dafür finden kann. (Meine Erklärung würde ihm wahrscheinlich gar nicht gefallen, welche lauten könnte, dass auch soziale Systeme paranoisch beobachten können. Die Ablehnung einer solchen Erklärung liegt darin begründet, dass diese Hypothese ganz offensichtlich paranoid ist und darum ausgeschlossen werden muss.) Häufig wird oft sofort die Alarmglocke geläutet, wenn man jemandem davon erzählt. Warum eigentlich? Das Argument, dass solche Auffälligkeiten sozialer Art sind, weil auch die Bedingung von Mobilität und Literalität erfüllt sein müssen, damit man überhaupt an vielen verschiedenen Orten Namen oder Zahlen erfassen kann, beeindruckt das transzendentale Subjekt nicht. Es tut so als wäre es ganz normal, Lesen und Schreiben zu können, Massenmedien zu benutzen und Auto zu fahren.
Man könnte einwenden, dass solche Beobachtungsweisen auch in Gesellschaften möglich sind oder waren, die gar keine Schrift benutzen. Dem würde ich gar nicht widersprechen, sondern nur einwenden, dass auch diese Menschen nicht als Tiere leben. Auch ohne Schrift und Literalität lassen sich komplexe Zeichengefüge herstellen. Das bedeutet, dass die Beobachtung von solchen Wahrnehmung gerade von der Differenziertheit der Wahrnehmung zeugen und nicht von Primitivität, eine Differenziertheit, welche kaum ohne die Bedingung von differenzierter Kommunikation zustande kommen könnte. Statt also auf Staunen umzustellen, wenn man davon liest oder hört, wird mit Abwehr reagiert. Warum eigentlich?

Und zum zweiten gibt es die paranoische Beobachtung von Kommunikation, welche auch noch ganz witzig sein kann. Spätestens aber, wenn man beobachtet, dass auch die Kommunikation paranoisch beobachten kann, was gewiss zu erklären ein sehr, sehr schwieriges Problem ist, so findet man sich schnell in der Situation wieder, sich der Zudringlichkeit der Pathologisierung zu erwehren.

Fortsetzung

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