Vertrauen oder Misstrauen? 4 #paranoik #wissenschaft

von Kusanowsky

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Der Begriff der Paranoia ist im Selbstverwirklichungsprogramm der transzendentalen Subjektivität von einer Misstrauenssemantik eingefasst; und dies auf doppelte Weise durch Konditionierung von Vertrauen und Misstrauen. Um diese Konditionierung zu gewährleisten hat die Gesellschaft die Sinnfiguren des aufgeklärten Intellektuellen einerseits und die des pathologischen Paranoikers andererseits markiert, der mit Überzeugungen auffällt, für die es keine oder keine ausreichenden Begründungen gibt. Daraus resultiert für das Subjekt ein Misstrauensvorbehalt, welcher sich nicht gegen Überzeugungen richtet, denn Überzeungen gewinnen durch die Methode der Kritik ihre Legitimität aufgrund von Selbstüberzeugung. Der Misstrauensvorbehalt richtet sich gegen die Verstandesfähigkeit des Subjekts, woraus der kritischen Disziplin gleichsam eine epistemologische Feindschaft zu einer Paranoik erwächst, weil auch sie Ergebnisse liefern muss, um die Verstandesfähigkeit zu beeindrucken, damit man ihr vertrauen kann. Sowohl der Kritiker als auch der Paranoiker bestehen auf die Fähigkeit ihres Verstandes, weshalb beide sich wechselseitig durch Misstrauen konditionieren. Der Kritiker muss, um seiner eigenen Verstandesfähigkeit zu vertrauen, die des Paranoikers geringschätzen und letzterer stimuliert dadurch sein paranoisches Beobachtungsverhalten, das für diese Geringschätzung wiederum nach Gründen sucht, für die es keine ausreichende Erklärung gibt.
Paranoiker und Kritiker erzeugen gegenseitig eine für beide Seiten unbehagliche Erkenntnissituation, welche zu behandeln, zu berurteilen, zu analysieren, zu bewerten und zu sanktionieren eine flankierende Praxis im Evolutionsprozess des transzendentalen Vermeidungsirrtums war. Die Misstrauenskommunkation zwischen Kritiker und Paranoiker hatte damit eine stabilisierende Funktion im Aufbau von sozialen Strukturen des Vertrauens auf Menschenvermögen. Es stellte sich im Laufe der Evolution einerseits heraus, dass nur durch Selbsteinschränkung der Verstandesfähigkeit ihre Möglichkeiten erweitert werden konnten. Andererseits wurde auffällig, dass trotz dieses Beeindruckungsprogramms der reine Wahnsinn Einzug hielt, welcher nunmehr nach Vorgaben der kritischen Methode nicht weiter eingeschränkt werden kann. Ein Indikator dafür sind die Ergebnisse der neurobiologischen Hirnforschung, welche ganz unverschämt die Möglichkeit des freien Willens negiert und aufgrund ihrer eigenen Forschungsmethoden keine Erklärung für das Zustandekommen der gegenteiligen Möglichkeit liefert. Mag der freie Wille auch ein Irrtum sein, so sollte man einmal erforschen, wie ein Hirn diesen Irrtum zustande bringt. Mindestens müsste man davon ausgehen, dass das Hirn zwischen Wahrheit und Irrtum wählen kann. Aber dies kann es gar nicht, weil es weder Irrtum noch Wahrheit versteht. Und wenn es diesen Unterschied doch verstehen könnte, so müsste man erklären, warum ein Hirn gerade zu einer Zeit der hochtechnologischen Verbesserungen der Computerkommunikation sich eines besseren besinnen möchte, da doch die Frage, ob es einen freien Willen, gibt so alt ist wie die Fähigkeit von Menschen über sich selbst nachzudenken.

Das Problem muss woanders her kommen.

Wenn man sich solchermaßen darüber informieren lassen möchte wie sehr die empirische Forschung mit ihrem epistemologischen Selbstbeeindruckungsprogramm an die Grenze ihrer Möglichkeit gekommen ist, so sollte man jedoch auch einsehen, dass mit dem Ende ihrer epistemologischen Möglichkeit nicht die Machbarkeit der Forschung an eine Grenze kommt. Sie geht einfach weiter, ohne Erkenntnisrisiko und nach wie vor mit beeindruckenden Ergebnissen, von welchen jetzt allerdings zusätzlich gewusst wird, dass mit diesen die Grenze zum Wahnsinn jederzeit schon überschritten sein könnte.

Es reicht nicht, einer solchen, wenn auch ergänzungsbedürftigen, Einschätzung zuzustimmen und nach Regeln und Vorschriften einer von Wissenschaftsbürokratie verwalteten Erkenntnisfähigkeit das eigene Wohnzimmer mit anderen Beschreibungen neu zu tapezieren. Stattdessen favorisiere ich die Möglichkeit, dass die sozialen Vermeidungssstrukturen des transzendentalen Selbstverwirlichungsprogramms inzwischen darauf hindeuten, das ganz viele Probleme nicht mehr durch Fortsetzung funktionaler Differenzierung gelöst werden können, weil immer mehr Dinge nicht mehr vermieden, bzw. nur noch immer schwerer vermieden werden können. Von dieser Überlegung ausgehend stelle ich mir die Frage, was ich nicht mehr vermeiden muss. Und meine höchst überflüssige Antwort lautet, dass ich nicht mehr vermeiden muss irgendwem als Dummkopf vorzukommen. Das wäre der Ausgangspunkt für eine Erforschung und Erprobung einer Technik oder Methode der nicht überzeugten Verständigung.

Fortsetzung folgt.

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