Vertrauen und Misstrauen? 1

von Kusanowsky

Verstehen ist praktisch immer ein Mißverstehen ohne Verstehen des Miß (Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, 2009, S. 118)

Mit diesem Bonmot ist die Lösung eines kommunikationstheoretischen Problems bezeichnet. Die Lösung des Problems lautet, dass Kommunikation nicht aus den Versuchen von Menschen besteht, miteinander in Verbindung zu treten. Vielmehr ist Kommunikation die erfolgte Herstellung dieser Verbindung, welche erst, wenn sie gelingt, beobachtbar macht, dass Menschen miteinander in Verbindung treten wollten. (Oder auch nicht, denn auch ein “ich will nicht mit dir reden” kann auch kommuniziert werden.)
Missverstehen ist darum nur eine normale Verstehensleistung, welche zur Differenzbildung von Strukturen der Kommunikation beiträgt, aber nicht zu ihrem Scheitern. Denn wenn Missverständnisse kommuniziert werden, so geht die Kommunikation über die Thematisierung von Missverständnissen weiter, was ergo heißt, dass Verstehensleistungen durch Missverständnisse gar nicht blockiert, sondern nur differenziert werden, was immer das bedeuten mag für die Zumutungen, mit denen Menschen sich dann beschäftigen mögen.

Wenn Verstehensleistungen die Operationen aller sozialen Systeme sind, so würde ich für eine systeminterne Umwelt aller sozialen Systeme Strukturen der Vertrauensbildung als Kondensate der Kontingenzbewältigung betrachten, für die das selbe gilt wie für die Differenz zwischen Verstehen und Missverstehen: Misstrauen ist genauso normal und genauso unverzichtbar wie Vertrauen, denn wie anders könnte Vertrauen gewonnen werden, wenn Misstrauen nicht die andere, die nicht zu wählende Seite der Unterscheidung bilden würde? Das hieße, dass “Vertrauen immer ein Misstrauen ist ohne Vertrauen auf das Miss”.

Eine zivilisationstheoretische Frage wäre dann, wie in einer systeminternen Umwelt das Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen ausdifferenziert und gegebenfalls nach Maßgabe einer spezifischen Differenzierungsform erweitert oder umgeändert wird. Dabei geht es um Fragen, worauf vertraut wird, worauf nicht und welche Empirie möglich wird, wenn Vertrauenstrukturen eine Verlässlichkeit gegen alle Unwahrscheinlichkeit ihrer Möglichkeit dennoch anschlussfähig machen.

Für die Ausbildung des modernen Zivilisationsmythos tippe ich auf einen sozialen Vertrauensbildungsprozess in Bezug auf ein Menschenvermögen, dass sich nicht mehr auf das Apriori einer absoluten Wahrheit eines übergeordneten und außerweltlich gefassten göttlichen Willens zu verlassen braucht. Dies geschieht, wie dies das transzendentalphilosophische Konzept vorsieht, indem das Menschenvermögen (Vernunft, Verstand, Gefühle) nicht selbst als absolut aufgefasst wird, sondern indem Selbstreferenz als diejenige Operation genommen wird, durch welche die Notwendigkeit zur Entparadoxierung des Sinnverstehens gleichermaßen zur Kontingenz wie zur Wahrheit seiner Ergebnisse beiträgt: Wahrheit insofern, da Eindeutigkeiten möglich sind; Kontingenz insofern, da darauf kein letztendlicher Verlass ist. Darauf angepasste soziale Strukturen differenzieren gleichsam die Verlässlichkeit des Unzuverlässigen.

Und da Menschenvermögen der historische Ausganspunkt für diesen Vertrauensbildungsprozess war, wird, sobald sich Regeln und Ordnungsmuster von Vertrauensstrukturen plausibel erhärten, dieser Ausgangspunkt zur normgebenden Standardisierung von Erwartungen. Das Ergebnis ist eine Welt, die sich als eine von Menschen gemachte Welt in Erfahrung bringt und aufgrund dieser Art der Empirie eine ganz andere Art von Empirie fast gar nicht mehr zulässt.

Fortsetzung

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