Die apokalyptische Funktion des Internets

von Kusanowsky

Das Wort Apokalypse hat im allgemeinen Sprachgebrauch des Status einer Pathos-Formel, mit deren Hilfe all das, das was Zukunftsversprechungen angeht, auf die Unterscheidung von Angst und Hoffnung heruntergebrochen wird. Das hängt wohl damit zusammen, dass die moderne Gesellschaft ein Problem mit ihrer Zukunft deshalb hat, weil sie Zukunft als erhoffte Lösung nimmt für all die Schwierigkeiten, die sie durch ihre Differenzierungsoperationen in der Gegenwart nicht lösen kann.

Die moderne Gesellschaft ist auf Zukunft für ihre selbsterzeugten Widersprüche deshalb festgelegt, weil das Programm der Empiriefähigkeit ihrer Differenzierungsprozesse nicht zu vereinbaren ist mit den Bedingungen, durch die ihr Programm möglich wird. Möglich wird es durch die funktionsstabile Reproduktion sozialer Strukturen, welche selbst wiederum als Beobachtungsoperationen  durch ihre erfolgreiche Ausbildung empiriefähiger Möglichkeiten und Notwendigkeiten ausgeblendet bleiben. Der Grund dafür ist die grundsätzliche, ja fast ideologische Leugnung metaphysischer Bedingungen eines sozialen Aprioris als Voraussetzung aller Empirie. Diese Leugnung hat selbst wiederum eine enorme Latenzfunktion. Sie schützt vor anders möglicher Empirie und stellt damit sicher, dass die Entfaltung von Komplexität nicht anderes reduziert werden kann als nach einem bekannten Schema, durch welches die Probleme erst entstehen. Alle Lösung eines Problems besteht darum in der Differenzierung des Problems, bekannt auch unter der Metapher des Nasrudin-Fehlers.

Beeindruckend dabei ist vor allem die spezifische Leistungsfähigkeit zur Herstellung sozialer Strukturen für die unaufhörliche Wiederbelebung von Motivationen zum Weitermachen. Der Grund dafür kann aber nicht in den Aporien der funktionalen Differenzierungen gefunden werden, sondern in der Kontingenz einer Empirie der zukünftigen Lösung. Die Zukunftshoffnung ist nicht einfach nur eine Illusion, schon allein deshalb nicht, weil der Erfahrungsprozess auch immer wieder zeigt, wie sehr die Kontingenz der Empirie in ihre Praktikabilität umschlägt: Der Traum vom Fliegen, die Raumfahrt, Fernsehen, Schulen für alle usw. Der Fortschrittsprozess hat eben auch Fortschritte erzielt.

So ist die Vermutung nicht einfach von der Hand zu weisen, dass die ganzen sozialen Reibungsverluste einer Wohlstandgesellschaft nicht nur dem Problemdruck erhöhen, sondern auch eine Steigerung der Findung von Lösungen, die allerdings nicht mehr allein durch das Programm der kontingenzbeschränkenden funktionalen Differenzierung möglich wird. Wie und wodurch könnte das geschehen?

Meine Vermutung ist, dass das Internet sehr aufdringlich zeigt, dass die Lösung nicht mehr in der Steigerung von Zukunftserwartungen liegt, sondern in der Aufdeckung, Enthüllung derjenigen sozialen Mechanismen der Verhinderung und Vermeidung von andersartiger Empirie. Das Internet schleicht sich disruptiv in die Gewohnheiten ein ohne eigentlich neue Probelmsituationen hervorzubringen, sondern schafft nur verknüfbare Elemente der Verkehrung gewohnter sozialer Beobachtungsroutinen durch die erkennbar wird, wie die bekannten Problemsituationen entstehen und gemäß des Programms funktionaler Differenzierung nicht gelöst werden konnten. Das nenne ich eine apokalyptische Funktion.
Diese Wortwahl ist bewusst gewählt, um die affektbesetzten Zukunfthoffnungen und -befürchtungen durch eine verdrehte Wortbedeutung zu stimulieren. Die apokalptische Funktion wäre gleichsam nur ein soziales Provisorium durch das sehr viel leichter gezeigt werden kann, was ohne das Internet durch die Systeme immer wieder inkommunikabel wurde. Festellbar ist dies vor allen Dingen in Internet-Diskussionen, die immer wieder die Beobachtung aufwerfen, dass das alles nichts Neues sei und eigentlich immer schon so war. Aber: wer hätte das ohne das Internet bemerken können? – weil ja die Interdependenzen der Beobachtbarkeit dieses Sachverhalts organisatorisch unterbrochen wurden.

Das deutliche Beispiel ist die Aufregung um das Urheberrecht. Vor dem Internet war die Frage, was ein Urheber ist, eine Angelegenheit einer gesellschaftlichen Nische. Jetzt geht diese Frage jeden etwas an; weshalb man jetzt auch bemerkt wird, dass die Lösung nicht mehr weiter durch funktionale Differenzierung aufgeschoben werden kann, so sehr selbstverständlich zunächst noch am Nasrudin-Fehler festgehalten werden muss. Die Internetkommunikation kann sich nicht mehr ausschließlich funktional differenzieren, weil nichts und niemand mehr durch das Internet ausgeschlossen werden kann. Aber das Gegenteil sorgte für die Stabilität funktionaler Differenzierung. Dies zu zeigen ist die Apokalypse des Internets.

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