Person, Intelligenz, Gedächtnis, Lernen #systemtheorie

von Kusanowsky

[...] Erwartungen gewinnen mithin im Kontext von doppelter Kontingenz Strukturwert für den Aufbau emergenter Systeme und damit eine eigene Art von Realität (= Anschlußwert). Das gleiche gilt … für alle semantischen Reduktionen, mit denen die beteiligten Systme eine für ihre wechselseitige Beobachtung und Kommunikation ausreichende Transparenz erzeugen.
Ich denke an Begriffe wie Person, Intelligenz, Gedächtnis, Lernen. »Person« ist die Bezeichnung dafür, daß man nicht beobachten kann, wie es zustande kommt, daß Erwartungen durch Zusammenhang in einem psychischen System an Wahrscheinlichkeit gewinnen (oder anders formuliert: für den Sicherheitsgewinn des Kennenlernens), »Intelligenz« ist die Bezeichnung dafür, daß man nicht beobachten kann, wie es zustande kommt, daß das selbstreferentielle System im Kontakt mit sich selbst die eine und nicht die andere Problemlösung wählt. »Gedächtnis« ist die Bezeichnung dafür, daß man nicht beobachten kann, wie der komplexe aktuelle Zustand eines Systems in den nächsten übergeht, so daß man statt dessen auf ausgewählte vergangene Inputs als Indikatoren zurückgreifen muß. »Lernen« ist die Bezeichnung dafür, daß man nicht beobachten kann, wie Informationen dadurch weitreichende Konsequenzen auslösen, daß sie in einem System partielle Strukturänderungen bewirken, ohne dadurch die Selbstidentifikation des Systems zu unterbrechen. [...]
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, 1984, S.158

Person, Intelligenz, Gedächtnis und Lernen wären demnach nicht beobachtbare Beobachtungen, deren Realität nur in ihrer Wahrscheinlichkeit für Anschlussfindung begründet liegt und welche sich durch nichts anderes ergibt als dadurch, dass die sich daran knüpfende Irritiablilität entsprechende Differenzierungen in Unterscheidungsroutinen überführt und dabei die Genauigkeiten der Selektionsverkettungen der Intransparenz überlässt. Deshalb heißt es in dem Zitat oben, dass im Zusammenhang mit doppelter Kontingenz alle Beobachtung und Kommunikation eine ausreichende Transparenz erzeugen: eine ausreichende, also eine Mindestransparenz. Daher auch die immer wiederkehrenden Einwände, dass diese Begriffe angeblich höchst ungenau, höchst schwammig und unpräzise sind: Jeder Präzisierungsversuch, also z.B. durch semantische Differenzierung, vergrößert nur die Intransparenz der Anschlussfindung und kann sehr wohl zur Entmutigung der Kommunikation führen, weil alles was in diesem Zusammenhang noch beobachtet wird nur die Wahrscheinlichkeit steigert, dass bald niemand mehr weiß worum es geht.

Gerade im Zusammenhang um den Zirkus der sog. Technologischen Singularität kann man feststellen, wie hier mit einem nicht unerheblichen propagandistischem Aufwand die Nichtbeobachtbarkeit von Funktionsbedingungen sozialer Zusammenhänge in einen säkularen Jenseitsglauben überführt wird. Eine technische Intelligenz könnte die menschliche Intelligenz überwuchern. Könnte dies passieren, so könnte aufgrund der überforderten menschlichen Intelligenz eine technologische Intelligenz nicht mehr festgestellt werden.

Technologische Singularität zu erwägen heißt, nicht beobachtbare Beobachtungen zu verstärken.

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