Paranoik und Kritik 2: Der Nazi-Vergleich

von Kusanowsky

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Gibt es irgendetwas, worüber man noch einen Konsens erzielen kann? Wahrscheinlich nicht mehr, aber vielleicht bald wieder. Zum Beispiel in Hinsicht auf den Nazi-Vergleich. Der Nazi-Vergleich ist eine sportliche Übung um im kritischen Diskurs die Unhaltbarkeit jeder formulierten Kritik auf die Spitze zu treiben. Allgemein werden solche Versuche als Totschlag-Argumente bezeichnet, dies aber nur solange, wie vermutet wird, es handele sich noch um eine kritische Diskussion und der Nazi-Vergleich sei ein kritisches Argument zur Fortsetzung der Kritik. Tatsächlich kann man feststellen, dass der Nazi-Vergleich schon als erster Versuch gewertet werden darf, jede weitere Kritik zu beenden.

Das kann daran erkennen, dass sich die Ernsthaftigkeit der sogenannte Godwin-Regel nur ironisch beurteilen lässt. Diese Regel lautet „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion geht die Wahrscheinlichkeit für einen Nazi-Vergleich gegen eins.“ Das könnte zunächst heißen, dass mit dem Nazi-Vergleich die Diskussion beendet wäre. Tatsächlich findet nur eine Verkehrung, eine Umlenkung der Diskussion statt. In der alten Theologie gab es den Begriff der “Metanoia”, was soviel heißt wie Umdenken, Sinnesänderung, Umkehr des Denkens, ein Begriff, der hierfür eingesetzt werden müsste. Die Metanoia einer kritischen Diskussion ereignet sich, wenn die Kritik alle Differenzen hinsichtlich der inkludierten Themen, Thesen, Sachverhalte, Adressen oder Personen in Entropie überführt hat, ohne damit zugleich die Wahrscheinlichkeit für die Fortsetzung der Kommunikation zu verringern. Geht die Kommunikation dann aber trotzdem weiter, kann sie nicht mehr kritisch weiter gehen, denn andernfalls zerfiele sie sofort. Die Fortsetzung geschieht allerdings nicht nur durch Einführung einer weiteren Beobachtungsebene (“Meta-Ebene”). Entscheidend ist vielmehr, dass auf der nächsten Ebene dafür gesorgt sein muss, dass die Diskussion nicht mehr kritisch sein kann. Der bislang beste und erfolgreichst Versuch liegt in der Ironie. Doch ist Ironie genauso wie Kritik anfällig für parasitäre und autodestruktive Kommunikationsblockaden. Wenn nämlich die Ironie zwischen alter und ego so weit getrieben wäre, dass alter und ego wechselseitig nicht mehr unterscheiden können, ob ego und alter noch alternativ unterscheiden, dann könnte die Kommunikation sehr ruhig und sachlich verlaufen, ohne herausfinden zu können, dass es nicht auch anders sein könnte. Indem Fall hätte sich die Ironie selbst gelöscht, weil jede Ironie auch ironische Ironie zulässt. Es wäre eine neue Sachebene der Diskussion ausgehandelt. Eben dies zeigt sich in der Diskussion über die Godwin-Regel: Man kann nicht mehr erkennen, ob diese Diskussion noch kritisch oder noch ironisch geführt wird.

Damit wäre eine Ausgangsposition für eine Paranoik gefunden. Eine Paranoik könnte nämlich gleichzeitig ein “Weder-noch” und ein “Sowohl-als-auch” anschlussfähig machen und im Prozess stabil halten, selbstverständlich inklusive der Möglichkeit, wieder auf Ironie und Kritik umzustellen, wenn dies dann noch möglich ist. Ob das jedoch möglich wird, zeigt sich nur durch Resonanz von öffentlicher Wirkung, weil nur durch Resonanz eine Art Mehrheitsurteil zustande kommen kann, das darüber entscheidet, ob es kritisch oder ironisch weiter geht. In dem Fall hätte eine Paranoik keine Chance mehr.

Die Intelligenz einer Paranoik wäre folglich nur erfindbar, wenn sie auf Öffentlichkeit und damit auf eine Apokalyptik ihrer Möglichkeit verzichtet.
Die Inflation von Nazi-Vergleichen dürfte darauf aufmerksam machen, dass längst ganz andere Differenzen durch die Internetkommunikation beobachtbar werden. Vielleicht eine Art von okkulter Wühlerei.

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