Das Internet vernichtet Öffentlichkeit – Christoph Kappes irrt sich

von Kusanowsky

Christoph Kappes hat unter dem Titel Netz ohne Vertrauen: Die neue Mega-Öffentlichkeit ausführlich die Ansicht geäußert und begründet, dass mit dem Internet eine Mega-Öffentlichkeit entstünde, die die Trennlinie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verschiebt, wenn nicht sogar aufhebt. Dieses Thema ist seit einigen Jahren bekannt und wird auf tausend verschiedene Weisen durchdiskutiert, die alle ihre Berechtigung haben.

Für diese ganze Diskussion gilt aber, was für jeden einzelnen Beitrag zu dieser Diskussion gelten muss:  Wenn man es unternimmt, komplexe Sachverhalte zu bewältigen, muss man Vereinfachungen vornehmen, durch die man Gefahr läuft, dass man ausgerechnet den Aspekt beiseite lässt, der durch das, was man erklären oder begründen will, unerklärlich oder unbegründet bleiben könnte, ja vielleicht gänzlich unberücksichtigt und durch diese Nichtberücksichtigung vielleicht sogar vernichtet wird. Das gilt nicht nur für den Artikel von Christoph Kappes, sondern für jeden anderen auch, auch für diesen Artikel und die ganze Diskussion, sofern sie sich thematisch mit dem Medium beschäftigt, durch welches sie   verbreitet und zur Kenntnis gebracht werden kann. Diese Überlegung bezieht sich auf die Selbstreferenz des verwendeten Mediums. In diesem Fall handelt es sich um das, was wir Internet zu nennen gewohnt sind und um die Frage, was es anstellt, sofern man anfängt, eine Diskussion über das Internet über das Internet zu diskutieren.

Auch wenn es schwer fällt: die Selbstreferenz, die das Medium zulässt, ist nicht einfach zu vernichten, man kann ihr nicht einfach aus dem Wege gehen. Oder besser: man kann dies versuchen, aber das wird immer schwerer. Und diese Schwierigkeit ist das, worin die Diskussion über Internet ihren Ausgangspunkt findet. Diese Schwierigkeit entsteht vor allem, weil ehedem “Öffentlichkeit” als ein idealer Reflexionsraum fungierte, durch den Selbstreferenz verhindert, vermieden oder durch Differenzierung umgangen werden konnte. Und eben dies klappt nicht mehr, seit es Internet gibt. Das möchte ich hiermit kurz erklären:

Öffentlichkeit in der stratifizierten Gesellschaft (Antike und Mittelalter) entstand durch Versammlung, durch Beobachtung von Menschenmenge und die damit verbundene kommunikative Technik war Rhetorik. Die ganzen Praktiken der Einteilung dieser Gesellschaft sind hier nicht wichtig, sondern nur der Hinweis, dass durch Beobachtung von Menschenmenge und ihre Relevanz für die Ereignisse in der Polis das Gespräch unter wenigen Anwesenden nicht etwa als privates Gespräch erschien und der Raum im eigenen Haus nicht darum als privater Raum. Privatheit war zu dieser Zeit nicht die andere Seite von Öffentlichkeit, sondern Öffentlichkeit war die andere Seite von Rechtlichkeit. Denn an Öffentlichkeit waren auch solche Menschen beteiligt, die keine Rechte hatten, weshalb die Aushandlung und Durchsetzung von Rechten dadurch sehr schwierig wurde. Selbstferenz konnte war zwar als rhetorisches Verfahren eingeübt werden. (Bekanntes Beispiel aus der Philosophie: der Kreter, der sagt, dass alle Kreter Lügner sind.) Aber selbstreferenzielle Argumentationen waren, wenn nicht empörend und obszön, die Angelegenheit von Komödiaten oder Dummköpfen.
Mit der Ausbildung der modernen Gesellschaft veränderte sich das. Schon in der frühen Neuzeit konnte Öffentlichkeit in dem alten Sinne nicht mehr funktionieren, weil der Differenzierungsprozess es mit sich brachte, dass erstens jeder Mensch irgendwelche zu berücksichtigenden Rechte erhielt und zweitens, dass eine jede Menschenversammlung unter andere Bedingungen des gegenseitigen Informiertseins gestellt war. Denn durch das Druckverfahren entwickelte sich eine Massenkommunikation ohne Versammlung, die zwischen den Beteiligten ein gegenseitiges Informiertsein darüber herstellte, dass man auf verschiendene Weise informiert war und zwar ohne sich persönlich zu kennen. Im Zuge dieses sozialen Erfahrungsprozesses wurde Selbstreferenz schwieriger zu denunzieren und wurde sogar, so etwa auch in der modernen Philosophie, zum Prüfstein der Reflexion: Denken über Denken.
Insofern war Öffentlichkeit nicht mehr nur Menschenversammlung, sondern wurde zu einem Reflexionsraum der funktionalen Differenzierung, der esotrische Exkludierung vorsah. Öffentlichkeit war Öffentlichkeit nur für solche, die daran teilnehmen konnten. Alle Öffentlichkeit war immer nur Teilöffentlichkeit, welche an der jeder Stelle die Aushandlung von Rechten zulässig machte, welche wiederum in jeder anderen Teilöffentlichkeit je nach Maßgabe je eigentümlicher Beteiligungsbedinungen verschieden behandelt wurden und behandelt werden durften. Denn Rechte sind nicht eigentlich gegeben, sondern immer auch veränderbar. Aber dies nicht von allen, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Sachfrage. So nahmen die damit verbundenen Organisationsverfahren der Selbstreferenz ihren obszönen Charakter, denn Organisationen hatten immer genügend Komplexität angehäuft, durch die die Perturbationsmöglichkeit von Selbstreferenz minimiert wurde.

Die funktional differenzierte Gesellschaft hatte Öffentlichkeit nicht abgeschafft, sondern nur unwahrscheinlich gemacht und ihre Möglichkeit auf Teilöffentlichkeit beschränkt. Durch das Internet wir diese Unwahrscheinlichkeit dadurch gesteigert, dass erstens Exkludierung gar nicht mehr hergestellt werden kann und zweitens Menschenversammlung gar nicht mehr nötig ist, was nicht heißen muss, dass sie unmöglich wäre.

Insofern stellt sich ganz pragmatisch die Frage, ob Kommunikation noch geschieht oder noch geschehen könnte. Diese pragmatische Frage resultiert aus der Beobachtung, dass man nicht mehr nur nicht weiß, dass die Beteiligten verschieden informiert sind, sondern vielmehr: wer ist beteiligt? Wer ist überhaupt infomiert und worüber? Man könnte dies herausfinden, wenn Kommunikation weiter geht, aber von welcher Stelle aus, also aufgrund welcher Öffentlichkeit, lässt sich ein selbstreferenzieller Beobachtungsprozess noch unterbinden? Wodurch spannt sich noch ein Reflexionsraum der Öffentlichkeit auf? Durch welche Grenzen stellt sich ein solcher Raum her oder wodurch könnte Grenzverläufe stabil eingehalten werden? Noch könnte man behaupten, dass es immer noch genügend Organisationsmacht gäbe, z.B. durch Facebook, die Exkludierung sicher stellt. Aber man kann beobachten, dass alle Organisationen selbst schon unter die Fortsetzungsbedingungen von Internetkommunikation geraten.

Damit wird durch den Wegfall einer Öffentlichkeit, die noch Fremdreferenzalität garantieren könnte, Selbstreferenz zur eigentlich verbleibenden Reflexionschance.

Ein offensichtlicher Indikator dafür ist die virulente Ironie, die ja nichts anderes ist als parasitäre Fortsetzung von Selbstreferenz ohne durch ihre Form das Medium in seinen Möglichkeiten einzuschränken, anders als konfliktuelle Kommunikation, deren parasiäre Funktion darin besteht, die Möglichkeit von Anschlussfindung zu minimieren.

Durch das Internet verschwindet Öffentlichkeit und zwar ohne, dass das jemand bemerkt. Denn die Möglichkeit des Gegenteils ist nur durch Selbstreferenz zu erhalten, die zu prozessieren nicht mehr unterbrochen werden kann.

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