Dieses Video zeigt einen Sketch. In dem Sketch geht es darum, dass ein Steinzeitmensch versucht, anderen Steinzeitmenschen die Vorzüge des Rades zu erklären und daran scheitert, da den Zuhörern nur die Nachteile auffallen. Gegen das Rad hätten die Zuhörer nichts einzuwenden, so der Witz, es müsste nur eckig sein, dann würde es nicht so herum rollen. Das halten sie dann für eine “gute Idee”.
Ein Witz dieser Art dient dazu, den Witzerzähler zu exponieren und ihn, sein Verhalten durch Exponierung der Beobachtung zu entziehen. Abgesehen davon, dass hier die x-te Variante des platonischen Höhlengleichnisses zum Besten gegeben wird – vortrefflich insofern, da Platon selbst über Höhlenmenschen nicht in der Weise informiert war, wie wir es sind – zeigt sich, dass sich der Erzähler hier ein Beobachtungsdefizit einhandelt, an welchem schon Platon gescheitert war: wie könnte es einem einzigen gelingen, etwas zu wissen, das anderen schleiferhaft ist, etwas, das andere nicht “verstehen” können? Woher kommt der “Logos”?
Interessant finde ich diesen Sketch insofern als er zeigt, wie die Verschiebung der Kennzeichnung des Vermeidungsverhaltens funktioniert. Indem die Zuhörer in der Szene und die gefesselte Knechtschaft ihres Verstandes als unfähig erscheinen, der Wahrheit, der besseren Einsicht, dem vernünftigeren Argument zu folgen, ergibt sich andersherum die Klarheit über das bessere Vermögen des Erzählers, mit dem sich der Zuschauer dann identifiziert, was folglich auch heißt, dass sich der Zuschauer dieser Szene nicht selbst bemerkt, weil er sich einbilden darf, in der Szene nicht vorzukommen.
Und wenn es sich auch um die Unfähigkeit der anderen handelte, so bleibt durch die Exponierung und der damit verbundenen Invisibilisierung des Erzählers (und des Zuschauers) unklar, woher denn diese Unfähigkeit der anderen kommt. Woher käme denn die Fähigkeit des “Königsphilosophen”? Fähigkeit und Unfähigkeit müssten sich zugleich gegenseitig bedingen und ausschließen, damit das eine wie das andere beobachtbar wird.
Die Methode der Vermeidung von Einsichtsvermittlung geschieht hier auf dem Weg des Humors, der die Unfähigkeit des Erzählers verschleiert. Er kann das Vermeidungsverhalten der anderen nur auf Unverstand zurechnen, aber seinen eigenen Verstand nur als heraus ragend. Daher auch die Szene, die zeigt, dass der Vortragende seine vorzügliche Idee gegen die Einwände der Zuhörer durchsetzen will und daran scheitert. Und eben dies: einer gegen viele, ist kennzeichnend zur Verschleierung des modernen, transzendentalen Vermeidungsirrtums: wenn es – wie der Mythos der modernen Wissenschaft erzählen will – gelingt, dass sich einer gegen viele durchsetzt, so kann dies doch offensichtlich nur an seiner heraus ragenden Verstandesfähigkeit liegen, weil es höchst unwahrscheinlich sei, dass dies einem gelingt. Eben diese Wertschätzung, kultiviert im faustischen Habitus, vermeidet die Einsicht in die soziale Bedingtheit allen Wissens, auch das Wissen um die Steigerung der Fähigkeit zur Konzentration und bewusstseinsmäßiger Disziplinierung. Einer schafft es nur, wenn alle anderen es auch schaffen könnten. Aber zur Steigerung von spezifischen Fähigkeiten muss andersherum sehr viel anderes vermieden werden.
Und nicht erst die Verbreitung des Internets macht aufdringlich deutlich, wie wenig noch das Vermeidungsverhalten des modernen Subjekts vermieden werden kann. Aber auf die Lösung kann noch niemand zugreifen, solange die Problemverwaltung noch ausreichend leistungsfähig ist.
Ein Beispiel für die Hartnäckigkeit der Problemverwaltung liefert dieser Artikel in der ZEIT, der davon berichtet, auf welche Idiotien sich Nachwuchswissenschaftler einzulassen bereit sind, nur weil noch eine Belohnung in Aussicht steht, deren Wert noch immer größer erscheint als ein echtes Gummibärchen.
Man müsste endlich lernen das Vermeiden zu vermeiden. In der Allergologie kann eine möglicher Ersatz der Vermeidungsmethode (zb. das Meiden der Blumenwiese bei Heuschnupfen) De-Sensibilisierung sein. Geht das hier auch?
Nein, das geht nicht, tut mir leid.
Kann man den Sketch nicht aus in einer Weise interpretieren, der die Interpretation gleichsam umkehrt, indem er die “Einsicht in die soziale Bedingtheit allen Wissens” gerade nicht vermeidet, sondern ausstellt? – Der Vergleich bzw. die Analogie oder vielmehr die supponierte Iteration des Platonischen Höhlengleichnisses (“x-te Variante”) trifft ja durchaus nicht zu, wenn damit die Abweichung ausgeschlossen werden soll, die sich darin (wie in jeder Iteration) bekundet. Dazu kurz einige Anmerkungen:
- Einmal abgesehen davon, dass wir über Platons Kenntnis von Höhlenbewohnern (prähistorische Menschen?) nichts wissen (wie könnte er auf das Höhlengleichnis überhaupt gekommen sein?), scheint mir die Rede von einem “Beobachtungsdefizit”, dem schon der Philosoph und nun auch der Witzeerzähler erliegt, zumindest eine fragwürdige Konnotation mit sich zu führen nämlich, dass 1) ein Defizit der Selbstbeobachtung des Logos etwas wäre, was seinerseits zu vermeiden wäre und 2) dass es sich bei seinem (prätendierten) Ursprung überhaupt um etwas handelt, das “beobachtet” werden könnte. Die Beobachtbarkeit des Logos ereignet sich ja immer nur in seinem Auftreten, hier in Gestalt des Wissenden (Königsphilosophen) im Unterschied zu den (geknechteten) Höhlenbewohnern.
- Der Unterschied des Sketches zum Gleichnis besteht nun darin, dass der Wissende hier nicht als jemand inszeniert wird, der eine immer schon dagewesene Idee präsentiert, von dem die Unkundigen nur die verzerrten Abbilder, ihre Schatten, erkennen, sondern dass er eine neue Erfindung in einen sozialen Zusammenhang einzuführen versucht. Was die Zuhörer verkennen, ist der Nutzen des Rades und nicht seine Idee. Denn seine Idee begreifen sie ja sehr gut: es kann rollen. Nur begreifen sie nicht, welchen Nutzen ihnen ein rollender Körper brächte.
- Was der Sketch damit ausstellt, ist das Scheitern einer potentiell nützlichen Idee an der Innovationsresistenz eines sozialen Systems, hier eines offenbar sesshaften Stammes, der in den Möglichkeiten gesteigerten Mobilität keinen technischen/evolutionären Vorteil erkennt. Die Figur des Erfinders erscheint mir daher weniger als die Inszenierung eines faustischen Subjekts, sondern als die subjektivierte Stelle einer exkludierten Möglichkeit, die das System aus sich und gegen sich selbst hervorbringt. Im Moment ihrer Inklusion müsste/würde es sich ja verändern.
- Eine solche Interpretation setzt Deine nicht ins Unrecht, weißt aber möglicherweise eine Iteration der inkriminierten Paradoxie auf: “auf die Lösung kann noch niemand zugreifen, solange die Problemverwaltung noch ausreichend leistungsfähig ist.” – Woher könnte man darüber wie auch von einer möglichen Lösung auf eine andere Weise wissen als der Königsphilosoph?
Ich habe versucht, Deine Interpretation absichtlich gegen den Strich zu bürsten (ohne zu wissen, ob ich das tatsächlich getan habe), weil ich mich frage, ob diese Art von Kritik, wie Du sie In Differentia kultivierst, letztlich auf eine Art dekonstruktivistische Systemtheorie hinausläuft – die Différance in das System einzuführen: wurde/wird das schon versucht? Oder würdest Du meinen, der Konstruktivismus Luhmanns und die Dekonstruktion Derrida waren schon immer zwei (einander mehr oder weniger unbekannte) Seiten ein zu derselben Sache?
@Kusanowsky – soeben ist hier ein (mein) ellenlanger Kommentar, den ich mir liebevoll abgerungen habe, in voller Zustimmung und Eintracht mit den Anregungen von Dir und von @stromgeist, bevor ich beim Kontrolllesen den Button >Kommentar absenden” überhaupt drücken konnte und gedrückt habe, im Nirwana des www verschwunden. An Wiederherstellung ist wohl nicht zu denken. Jetzt bin ich erst einmal frustriert wegen dieser verdammten technischen Panne (in meinem System?). Ob es mir gelingen werde, diesen gesamten Gedankengang noch einmal angemessen zu rekonstruieren, wage ich zu zweifeln, zumal ich ja zunächst einmal wütend und verzweifelt bin. Bis später.