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Identität ohne Anwesenheit

8. Januar 2012
Mit dem Internet erscheint ein kommunikativer Raum, welcher der überlieferten Form der transzendentalen Subjektivität ein Reich der Selbsterprobung und Selbstinszenierung eröffnet, in dem durch den sozialen Vollzug von Beobachtung  Affektbewegungen des Körpers nicht berücksichtigt werden können. Auch müssen auffindbare Adressen nicht notwendig als Personen identifiziert werden; und ganz allgemein wird durch Internetkommunikation das Verhältnis von Abwesenheit und Anwesenheit auf eine ganz andere Weise differenziert: Anwesend ist man dort, wo sonst keiner anwesend ist, aber abwesend ist man dort, wo jeder andere auch abwesend ist. Im ganzen betrachtet lässt die Kommunikation unter diesen Bedingungen eigentlich nur zu, dass alles als paradox erscheint, wodurch folglich  – genauso paradox – alle Paradoxien verschwinden müssen.
Alle Glaubwürdigkeit und Authentizität hat sich einem daraus resultierenden Bewährungsproblem auszuliefern, da alle subjektive Identitäsvorstellungen niemals ohne die Illusion einer Letztinstanz der Realitätsvermittlung auskommen kann. Ein solche Illusion konnte bislang wirksam durch Organisationen bereit gestellt werden, die durch hierarchische Gliederung alle Selbstreferenz der Kommunikation als Zumutungsprobe den anwesenden Menschenkörpern auferlegte. So ist es wohl auch keiner Wunder, dass das Verkleidungsverhalten mit der Zeit immer bunter wurde, um den Versuch zu wagen, eprobte Vorurteilsmechanismen in der Begnung zu unterlaufen. So wurde der kommunikative Einsatz des Körpers einerseits zu einem Bestandteil der imagepflegenden Identitätsarbeit, andererseits war der Körper auch immer ein revidierbarer Identitätsausdruck einer Person. Damit aber taugt er nicht mehr als stabiles Ausdrucksmittel für Identität, sobald sich auch die Körperinszenierung über Internetkommunikation vollzieht, weil alle Beobachtung von Körperlichkeit in der Einsamkeit affektiver Selbstkontrolle vor sich geht. Das Affektverhalten eines Körpers reagiert nicht mehr auf das eines anderen. Die Eigenwilligkeit des Körpers fällt dabei nicht weg, sondern muss sich auf sich selbst beschränken. Statt dessen benötigt der Körper nunmehr selbst eine authentizitäts- und illusionssichernde Referenz, allerdings kann diese Referenz selbst nicht verstanden werden als eine unmittelbare, referenzlose Entität, die aus sich selbst heraus wirken könnte.
Soziologisch gesehen kann man die soziale Identität einer Person als ein Ensemble gleichzeitig besetzter Positionen, Rollen und Erwartungsmuster auffassen. Zur sozialen Identifizierung bedienen sich die Interaktionspartner dabei ausgefeilter Selbstbeschreibungen, die als Differenzierungs- oder auch Zugehörigkeitskonstrukt geltend gemacht werden und auf gegenseitige Beobachtung von Aufmerksamkeit angewiesen sind. Die Beachtung der Anderen wird durch eine Form der Selbstrepäsentation erreicht, die sich bestenfalls in effektvoller Selbstinszenierung niederschlägt.
Der aufmerksamkeitbindende Vorgang der habituellen Symbolisierung war in der Gutenberg-Galaxy maßgeblich auf die Präsenz des Physischen angewiesen. Ohne den Körper konnte man sich nicht sozial positionieren. Der Körper galt in jeder Interaktion als unhintergehbare Instanz aller Zeichenrepräsentation, die beabsichtigt oder unbeabsichtigt den Kommunikationsprozess affektiv beeinflusste. Der subtile Umgang mit der Haltung und der Stellung des Körpers wurden unablässig registriert und sanktioniert, so dass der körperliche Ausdruck als eingebautes, unverfälschbares Anzeigeinstrument in Erscheinung trat. Seitdem sich aber herum gesprochen hat, dass der Körper keineswegs durch frei gewählte Habitualisierungen determiniert ist, sondern durch medial vermittelte Bilder und Konstrukte bestimmt wird,  tritt an die Stelle eines Körperverständnisses der Habitualisierung die Optionalisierung von Körperidentität.
Wenn sich also Identitätskonzepte retten wollen, die so etwas die “echte Menschen” kommunikativ beibehalten wollen, so haben sie auf der Basis von Internetkommunikation eine sehr ernstzunehmende Bewährungsprobe zu gewärtigen, die sich womöglich durch eine Steigerung von Widersprüchen auszeichnet, auf welche selbstreflexiv mit der Mitteilung weiterer Widersprüche zu reagieren wäre. Wer darauf verzichten will und stattdessen Beteuerungen, Appelle und Moralisierungen vorträgt, läuft Gefahr in eine Eskalationsroutine der Selbstexkludierung zu geraten, wie man sie bei sogenannten Trollen schon beobachten kann. Wer durch wiederholte Beteuerungen glaubhaft machen will, nicht der zu sein für den man gehalten wird, muss lernen, darauf zu verzichten, weil andernfalls der Verdacht auf das Gegenteil sich erhärtet mit der Wirkung des Verlusts von Adressabilität.
11 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 8. Januar 2012 12:48

    Ich bin Klaus Kusanowsky.

    • 8. Januar 2012 12:50

      Das ist einfach: Ich nicht.

    • 8. Januar 2012 12:51

      Schön. Dann wäre das geklärt. Schickst du mir die Login-Daten zu meinem Blog?

    • 8. Januar 2012 12:54

      Gern, an welche Adresse?

    • 8. Januar 2012 12:58

      Meine Adresse ist dir bekannt. Ich muss sie hier jedes Mal eingeben.
      Folgendes Szenario kennst du: http://www.youtube.com/watch?v=ddgbKZckejo ?

    • 8. Januar 2012 13:04

      “Meine Adresse ist dir bekannt. Ich muss sie hier jedes Mal eingeben.” Sie ist mir bekannt? Deine e-Mailadresse ist nicht erreichbar. Ich hab’s getestet. Deshalb meine Frage.
      Die Yes-Men-Aktivitäten sind mir bekannt. Man müsste nur diesen “Politaktivismus” heraus löschen, dann könnte man etwas damit anfangen.

    • 8. Januar 2012 13:11

      Diese hier ist erreich- und adressierbar. Ja. Den Aktivismus streichen. Das ist halt interaktionsbasierte Störkommunikation zum Politgetrolle. Kann man als Übergangslösung amüsant finden. Von Humor zeugts allemal.

    • 8. Januar 2012 14:32

      Viel interessanter ist da der Fall „Amina Abdallah Arraf“, eine syrische Bloggerin, von welcher erzählt wird, dass sie ihre Identität nur vorgetäuscht habe. In Wirklichkeit sei sie aber die Erfindung eines amerikanischen Studenten, der die Geschichte eines „Hauptmann von Damaskus“ wiedererinnert habe und mit diesem Hoax weltweite Aufmerksamkeit erregen konnte, da es gelang, durch diese Fiktion die politische Realität in Syrien authentisch zu thematisieren.
      http://differentia.wordpress.com/2011/06/18/anima-identitat-und-authentizitat-als-problem-der-simulation/

      Aber auch das Foppen von Politaktivisten grenzt bald an intellktuelle Kinderschändung, wenn es nur darum gehen sollte, die Gesinnungsdefizite der anderen, hier die von Feministinnen, zu denunzieren. Denn diese Identitätskonstrukte sind so banal, dass sie selbst als Zirkusnummer nicht taugen.

    • Ludwig R. Permalink
      8. Januar 2012 23:55

      Nein. Du nicht. Du kommst zu spät.

  2. 8. Januar 2012 19:06

    Über die Thauglichkeit als Circusnummer entscheidet das Publicum. Banalitäten sind immer beobachtete und beobachtbare Banalitäten eines Beobachters, das ist hinreichend bekannt. Unter erschwerten Bedingungen wie im Fall der syrischen Bloggerin gilt: Es werden hintenrum Nebenbedingungen eingeführt, die die Ausgangsbedingungen unsicher erscheinen lassen (Simulation, identity-fraud, Trollerei). Die Nebenbedingungen werden sofort als Rechtfertigung der Fortsetzung von Beobachtung gebraucht, also als neue Hauptbedingungen behandelt. So sind Anschlussbeobachtungen möglich und neue Rechtfertigungen geschaffen. Welch Glück! Das Procedere kann von vorne beginnen. Denuncierung wird ein ziemlich hartes Brot oder egal. Denn wer kann es sich noch erlauben mit dunciatorischem Gestus auf den Plan zu treten ohne sich selbst gleich mitzudenuncieren?

  3. Wigbert Traxler Permalink
    9. Januar 2012 10:16

    “Der aufmerksamkeitbindende Vorgang der habituellen Symbolisierung war in der Gutenberg-Galaxy maßgeblich auf die Präsenz des Physischen angewiesen. Ohne den Körper konnte man sich nicht sozial positionieren.”

    Dazu zwei Hinweise: 1. der auf die Ausführungen Peter Sloterdijks in seiner sogenannten Elmauer Rede, worin der gesamten humanistischen Kultur eine “epistolarische Struktur” unterstellt wird. Sie bestehe seit römischer Zeit in einer “Freundschaft stiftenden Telekommunikation im Medium der Schrift.” Übermittlung einer Flaschenpost in wohlgesonnene Fremde. Actio in distans. Kettenbriefen und Sendschreiben, immer auf der Suche nach dem geneigten Leser. Die Präsenz von Körpern steht bereits hier in Frage. Sie fehlen als Realien, symbolisieren sich ausschließlich im idealisierten Empfänger.

    Zum Zweiten, der Hinweis auf die epochale Studie von Ernst Kanotoriwitz über die zwei Körper des Königs. Die hier, obzwar auf das Mittelalter bezogene, herausgestellte verdoppelnde Autrennung der symbolischen Repräsentanz von Körperlichkeit demonstriert vielleicht am deutlichsten, dass die “Präsenz des Physischen” möglicherweise stets zwar vorausgesetzt war, aber immer schon durch symbolische Stellvertreter ersetzt werden musste.

    Dies geht dann in die Richtung einer Präsenz, die, wie Derrida sie verstanden hat, sich verspricht und aufschiebt, adressiert, aber als solche nie gegeben sein kann.

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