Der Solipsismus als Beobachtungseffekt der Dokumentform

von Kusanowsky

Bekanntlich unterscheidet Immanuel Kant in der “Kritik der reinen Vernunft” zwischen Erfahrung und den Formen der Erfahrung, die selbst nicht empirisch zugänglich sind, sondern nur in der Reflexion auf ihre Vorbedingungen erschlossen werden können. Dementsprechend ist die Erfahrung als solche der Erfahrung nicht zugänglich. Dementgegen ist Luhmann zufolge Beobachtung immer eine empirisch beobachtbare Operation.
Deshalb unterscheidet Luhmann nicht zwischen einer empirischen und einer transzendentalen Ebene. Beobachtung im Sinn von „Unterscheiden und Bezeichnen“ umfasst nicht nur den Erfahrungsbegriff von Kant, sie schließt diesen mit ein, sondern auch die Überlegungen über ihre Vorbedingungen. Diese Begriffsfassung führt dazu, dass die Transzendentaltheorie nicht als alternativer theoretischer Ansatz, sondern eher als Missverständnis erscheint: Kant meinte zwar, er betrachte nicht-empirische Vorbedingungen der Erfahrung, aber diese Betrachtung war selbst eine Beobachtung, und das heißt Empirie. Daraus folgt dann, dass nicht nur keine Beobachtung möglich ist, die nicht ihrerseits beobachtbar wäre, sondern auch, dass es keine Beobachtung gibt, die nicht empirischen Charakter besäße. Dazu passt Luhmanns wiederholte Beteuerung, der radikale Konstruktivismus sei keine nicht-empirische Theorie – was immer dessen Vertreter wie z.B. von Glasersfeld auch sagen mögen: „Selbstverständlich ist der Konstruktivismus eine realistische Erkenntnistheorie, die empirische Argumente benutzt.“ (Soziologische Aufklärung, 5.)
Dann aber könte man sich fragen, was denn die Qualifikation einer Erkenntnistheorie als empirisch noch bedeutet, wenn es gar keine andere Möglichkeit mehr gibt, wenn also „empirisch“ nicht mehr eine Seite einer Unterscheidung bezeichnet. Wovon wäre der Empiriebegriff noch unterschieden, wenn  das Nicht-Empirische als Beobachtung bereits mit ihm berücksichtigt ist?

Diese epistemologischen Schwierigkeiten könnte sich vielleicht aufflösen, wenn man die Beobachtungssituation in Rechnung stellt, durch die wahlweise das Subjekt bzw. der Beobachter als beobachtungsgenerierende Instanz in seiner Anwesenheit immer schon als vorausgesetzt mitreflektiert wird. Ohne anwesendes Subjekt keine Erkenntnis, ohne anwesenden Beobachter, der nicht nur andere, sondern auch sich selbst beobachtet, keine Beobachtung. Setzt man dies voraus, so dürfte es für einen Beobachter keine Realität geben, die sich seiner eigenen Hirngespinste widersetzt. Der Beobachter wäre damit als Solipsist in einem Perpetuum mobile seiner eigenen Imaginationen gefangen. Man könnte nun jederzeit durch Anführung scholastischer Spitzfindigkeiten den Solipsismus als den Hui Buh der Philosophiegeschichte abtun, aber damit hätte man immer noch nicht erklärt, warum sich dieser Spuk so hartnäckig und widerständig zeigt, ja, warum er gerade durch konstruktivistische Überlegungen leicht revitalisert wird. Warum kann man den Spuk nicht beenden? Macht denn nicht gerade dieser Spuk auf die Widerständigkeit aller Beobachtungsrealität aufmerksam? Mag es auch Spuk sein, so ist es immerhin ein beobachteter Spuk.
Daraus folgt, dass es die Beobachtung selbst ist, die ihren Widerstand erzeugt. Für das Subjekt, bzw. für den Beobachter dürfte dann die Annahme gelten, dass er eben nicht immer anwesend ist, dass seine Anwesenheit durch nichts anderes bezeugt wird als durch einen Unterschied, der darauf verweist, dass auch Abwesenheit als Bedingung der Möglichkeit von Beobachtung in Frage kommt.

Nimmt man diese Überlegung ernst, dann könnte man verstehen, warum Kant die Unterscheidung von empirisch/transzendental überhaupt erst entfalten konnte. Er konnte sie entfalten, weil er keine Unterscheidung von Anwesenheit und Abwesenheit bei der Behandlung der Erkenntnis erwägen konnte, ein Beobachtungsdefizit, das übrigens schon bei René Descartes das Cogito determinierte. “Ich denke!” Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass “Denken” sich semantisch schon von etwas anderem unterscheidet wie zum Beispiel Fühlen, Glauben, Wissen, Träumen, ohne diesen Unterschied voraus gesetzt zu wissen, kann nur gelingen,  wenn diese Voraussetzung durch die Reflexion ignoriert wird. So kann eine Voraussetzungslosigkeit behauptet werden, die keine Empirie hat. Dieses Beobachtungsdefizit wäre damit zugleich ein Erfahrungsdefizit, das mir als ein Effekt der Dokumentform erscheint. Das Subjekt wähnte sich schon immer anwesend ohne zugleich erklären zu können, durch welchen Spiegel es sich gleichsam als anwesend und damit auch als vorausgesetzt erkannte. Dieser Spiegel war das Produkt seiner eigenen Operationen, die nur das ergaben, was das Subjekt über sich herausfinden konnte, solange es sich seiner Selbst durch Fremdreferenz vergewisserte. So konnte es nur etwas über sich herausfinden, solange es sich selbst als vorausgesetzt annahm, ohne zu bemerken, dass diese Voraussetzung seine eigene Abwesenheit wieder zur Voraussetzung hatte. Die Hirnbiologie arbeitet immer noch daran, Denken oder Beobachten durch die Erforschung neuronaler Zusammehänge zu referenzieren. Das Referenzieren der Forschung sucht im Gehirn seine eigene, reine, nicht beobachtbare Fremdreferenz.

Man darf  den Hirnbiologen viel Glück beim Suchen wünschen.

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