I will feed you! Bekennerschreiben eines Internettrolls. Bitte weiterleiten
von Kusanowsky
Guten Tag. Mein Name ist Klaus Kusanowsky und ich bin ein Internettroll. Jeder, der das liest, weiß was das ist, aber offensichtlich weiß niemand so recht, warum ein Troll so etwas macht. Jeder will das gerne wissen und ich möchte hiermit eine Erklärung veröffentlichen, warum ich so etwas mache.
Aus Erfahrung wissen wir, dass, wann immer in der Gesellschaft ein Problem dringlich wird, auch die Wissenschaft anfängt, sich damit zu befassen; insbesondere die Soziologie ist sehr erfahren und sehr emsig damit beschäftigt, mit Methoden der empirischen Sozialforschung soziale Probleme aller Art zu verstehen. Das gilt auch für das Phänomen der Internettrollerei. Allerdings gibt es in speziell dieser Hinsicht für die Soziologie ein großes Problem, das sie mit ihren bislang erprobten Methoden nicht gut erforschen kann. Sie muss nämlich, weil sie annimmt, dass die Probleme von bestimmten Menschen verursacht werden, diese auffinden und befragen; das heißt: diese Menschen müssen kommunikativ irgendwie erreichbar sein, damit man ihnen Fragebögen vorlegen kann, deren Fragen so formuliert sind, dass der Gegenstand der Befragung – also der bestimmte Menschen, über den man etwas wissen will – durch die gestellten Fragen nicht schon beeinflusst wird. Denn geschähe dies, dann würde man Gefahr laufen, dass den Befragten durch die Befragung die Antwort auf die Frage schon im voraus mitgeteilt wird, was bedeuten würde, dass solche Ergebnisse, würden sie wissenschaftlich ausgewertet, nur etwas über die Soziologie aussagen und nichts über den Gegenstand der Befragung. Doch will die Soziologie hinsichtlich dieses Problems nichts über sich selbst wissen. Die Soziologie kennt dieses methodische Problem natürlich schon lange und ist sehr fleißig damit beschäftigt, solche Manipulationen bei Massenbefragungen zu vermeiden, was übrigens durchaus gelingt, aber auch nicht immer so, dass die Soziologen vollständig befriedigt wären.
Was nun das Phänomen der Internettrollerei angeht, hat die Soziologie ein Problem. Sie kann diese bestimmten Menschen nicht erreichen, weil sie sich nur anonym im Internet bemerkbar machen. Dass dies überhaupt, also nicht nur für die Soziologie, zu einem Problem werden kann, liegt gerade darin begründet: sie sind nicht erreichbar, oder im Einzelfall nur sehr schwer und auch nur dann, wenn die Polizei einschreiten muss. Doch die Soziologie braucht keine Einzelfälle, sondern Massenfälle. Und das Problem ist massenweise auffällig.
Eine Hoffnung der Soziologie könnte nun darin bestehen, dass manche solcher Menschen aufgrund psychischer Störungen in psychotherapeutischen Einrichtungen aufschlagen und gegenüber Psychologen ein Bekenntnis über ihre Trollerei-Beschäftigung ablegen. Diese Fachexperten würden nun diese Einzelfälle befragen und die Untersuchungsergebnisse in Fachzeitschriften veröffentlichen. Erst dann kann auch die Soziologie sich um dieses Problem kümmern; sie kann bei den zuständigen Psychologen nachfragen, um viele dieser Fälle soziologisch auszuwerten. Würde man aber so verfahren, so käme schließlich nur heraus, was man auch ohne dieses Forschungsprojektes wissen könnte, dass nämlich all die befragten Internettrolle psychische Probleme haben, denn nur deshalb hat die Soziologie sie auffinden können. Und alle anderen? Ich zum Beispiel?
Man könnte nun vermuten, dass, wenn man weiß, dass die so untersuchten Internettrolle alle mit psychischen Problemen behaftet sind, auch diejenigen bestimmte Merkmale psycho-pathologischer Devianz aufweisen, die für die Befragung nicht erreichbar waren. Also: ich zum Beispiel.
Aber: Ich bin ja eigentlich gar kein Internettroll, weil ich kein Teil des Problems bin, denn ich bin erstens ein Einzelfall und zweitens erreichbar, zum Beispiel über die Kommentarfunktion dieses Blogs, bei Twitter und Facebook. Natürlich könnte man immer noch vermuten, dass ich irgendeine psychische Störung habe, doch zeige ich wenigstens eine Krankheitseinsicht und befände mich darum schon auf dem Weg der Besserung.
Daraus folgt: ich bin also gar kein Internettroll, sondern behaupte es nur, um all dies mit diesem Blogartikel zu erklären, wovon keiner eigentlich etwas wissen könnte, hätte ich es nicht verbreitet. Aber die Verbreitung konnte nur gelingen, weil du als Leser/in wissen willst, warum ein Troll so etwas tut. Ergo: jetzt ist verbreitet. Beweist dass, dass ich ein Troll bin und störe?
Deshalb möchte eine Erklärung darüber abgeben, warum ich das tue:
Ich vermute, dass dieses Troll-Phänomen eine Art Bruch mit unseren zivilisatorischen Gewohnheiten ist. Der moderne Mensch hat sich selbst als ein “Socius” in Erfahrung gebracht, als ein Menschenfreund, der ein Freund von Menschen ist und bleiben will, und darum Kontakt zu anderen sucht. Jedenfalls erscheint mir die Durchhaltefähigkeitfähigkeit des modernen Zivilisationsstolzes (“Die Würde des Menschen”) eine Unmöglichkeit, gäbe es massenweise Menschenhasser, die es nur darauf angelegten, anderen Schaden zuzufügen. Nun gebe ich zu, dass auch ich in meiner Nachbarschaft Leute kenne, mit denen ich nicht gut zu recht komme; und aus Massenmedien weiß ich, dass es anderen genau so geht; aber eine Würde rechnet mir mein Nachbar trotzdem noch zu, woraus ich den Schluss ziehe, dass der Nachbar dieses Nachbarn dies auch tut. Andernfalls müsste es massenweise Menschenhasser geben. Und dann kann ich mir nicht vorstellen, wie dieser Zivilisationsstolz noch durchhaltbar wäre.
Nun haben sich die Versuche der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen durch das Internet enorm vereinfacht. Und prompt fällt das Troll-Phänomen auf. Auf einmal stellen wir fest: es gibt massenweise Dummköpfe, Geisteskranke, irgendwelche Arschlöcher, die nur stören wollen. Ja, haben denn die Massenmedien in den letzten 50, 60 Jahren über etwas völlig Falsches berichtet? Der Einwand lautet natürlich, dass diese Trolle nur eine Minderheit sind, die es auch schon vor dem Internet gab, aber nur nicht aufffielen, weil die Menschen durch die konventionellen Massenmedien nicht so einfach Kontakt mit einander aufnehmen konnten.
Welchen Schluss könnte man daraus ziehen? Meine Schlussfolgerung lautet: es liegt gar nicht an den Menschen, sondern am Internet. Die Internetkommunikation betreibt diese Trollerei, nicht die Menschen. Kann das stimmen? Wie auch immer, jedenfalls scheint mir der Zivilisationsbruch darin zu bestehen, dass ein Socius versucht mit einem anderen Socius in Kontakt zu treten; und da die “Allgemeinen Geschäftsbedingungen”, die gegenseitig ausgehandelt werden müssten um zu erkennen, dass der Andere des Anderen auch ein Socius ist, unbekannt sind, entsteht diese Trollerei. Durch die konventionellen Massenmedien wurde nämlich bislang wirksam vermieden, dass die Menschen so einfach mit einander in Kontakt treten können. Mit dem Internet kann nun diese Vermeidungspraxis nicht mehr durchgehalten werden. Und das heißt andersherum: mit dem Internet wird nunmehr möglich, was vorher immer vermieden wurde, aber niemand vermeiden wollte. Und das bezeichne ich als einen Bruch mit unseren zivilisatorischen Gewohnheiten.
Das Internet lässt Kommunikation mit Unbekannten zu, die irgendwie heraus finden wollen, dass der Andere das ist, was man selber ist: Ein Socius.
Darum möchte ich einen ernsthaften Vorschlag machen: Ich stelle für alle Internettrolle dieser Welt meinen Namen “Klaus Kusanowsky” kostenlos und ohne Erwatung auf Gegenleistung als pseudonyme Adresse für “identity fraud” zur Verfügung. Trollt damit herum so viel ihr wollt. Es geht mich nichts an, weil ich mir einbilde, dass ich nicht Teil des Problems bin.
Aber ich verbinde dies mit einer Warnung: sollte ein Troll sich daran stören, dass ich so etwas zuzulasse, um mich anschließend mit Trollerei zu überschütten, dann gilt für mich der Imperativ: “I will feed you!”
Vielleicht liegt das systematische Problem der Trollerei darin, dass – von ‘mutwilligen Störern’ und ‘Geisteskranken’ einmal abgesehen, die also absichtlich Kommunikation sabotieren oder in ihrem Sinne verzerren wollen (was man aber nie wissen kann) – ihr Wesen grundsätzlich negativ ist. Nicht nur in trivialen Sinne, dass es als Störung auffällt. Sondern dass es sich aus lauter Abwesenheiten konstituiert.
Da ist zunächst die Anonymität, d.h. die Abwesenheit der Identität der Sprecher.
Mit ihr fehlt auch plötzlich der ganze soziale Kontext, an dem sich soziales Verhalten in der Regel orientiert (mit ‘wem’ hat man es zu tun, welches ‘Sprachspiel’ wird erwartet).
Drittens fehlt mit der offenene Kommunikationssituation immer auch die Regel eines bestimmten Diskurses (Was kann man als gewusst voraussetzen? Welche Sprachspiele sind legitim und überzeugend?) Man versucht daher, eine Art Minimalkonsens herzustellen, die sog. Nettiquette.
Nicht zuletzt – und das scheint mir wesentlich – gehen mit der Internetkommunikation auch alle außersprachlichen Kommunikationselemente verloren, an denen sich soziale Kontaktaufnahmen normalerweise auch immer orientieren: Stimme, Geste und Mimik der SprecherInnen. (‘Macht sie sich lustig?’ ‘Flößt sie Respekt ein?’ ‘Wirkt sie ängstlich?’ usw.). Dasselbe passiert bei einem Brief natürlich auch, aber da sich Briefschreiber normaler persönlich kennen (Brieffreunde, Liebesbriefe) oder als soziale Instanzen auftreten (Beschwerdebriefe, Behördenmitteilung) ist die Kommunikation hier entweder entsprechend individualisiert oder formalisiert. Nichts davon trifft zunächst auf die Internetkommunikation zu. Derartiges muss sich erst infolge langwieriger Konstitutionsprozesse der ‘Communities’ etablieren.
Wenn also die Internetkommunikation die Trollerei betreibt, und nicht die Menschen, dann würde ich dem insofern zustimmen, als das Internet bestimmte Kommunikationsbedingungen schafft bzw. ab-schafft, an denen die erprobten zivilisatorischen Gewohnheiten zunächst scheitern. Sie reduziert sich/alles auf Literalität. Aus der Reduktion auf Literalität folgt, dass sie bestimmte Gruppen oder Schichten von Usern privilegiert oder stratifiziert. Das Thema Rechtschreibung, Grammatik und Ausdruck v.a. in der Forenkommunikation ist ja leidlich bekannt und (trotzdem) immer wieder Anlass zu Konflikten, Distinktionen, Diskursen usw.
Der Troll erscheint damit ein negativer Diskurseffekt, der durch die medialen Reduktionen der schriftlichen Internetkommunikation disponiert wird.
Daraus ließe sich eine soziologisch bearbeitbare (und vielleicht schon bearbeitete?) Frage ableiten: Ist Internettrollerei im wesentlichen ein (durch mediale Reduktion der Ausdrucks- und digitale Vervielfältigung der Anschlussmöglichkeiten bedingtes) schrift-sprachliches Problem?
Eine mögliche Gegenprobe wäre hier: Gibt es auch Video-Trolle, Bilder-Trolle, Spiel-Trolle, Code-Trolle oder im großen und ganzen eigentlich nur – Schreib-Trolle?
“Wenn also die Internetkommunikation die Trollerei betreibt, und nicht die Menschen, dann würde ich dem insofern zustimmen, als das Internet bestimmte Kommunikationsbedingungen schafft bzw. ab-schafft, an denen die erprobten zivilisatorischen Gewohnheiten zunächst scheitern.”
Gut formuliert! Das genau das habe ich gemeint: die Vermeidungspraxis kann nicht mehr vermieden werden, was heißen muss, jetzt etwas anderes vermieden werden muss. Aber wir wissen nicht was.
“Der Troll erscheint damit ein negativer Diskurseffekt, der durch die medialen Reduktionen der schriftlichen Internetkommunikation disponiert wird.” Da hätte ich Zweifel anzubringen, aber ich komme gerade nicht dazu. Ich greif das später noch mal auf.
“Eine mögliche Gegenprobe wäre hier: Gibt es auch Video-Trolle, Bilder-Trolle, Spiel-Trolle, Code-Trolle oder im großen und ganzen eigentlich nur – Schreib-Trolle?” Das scheint mir tatsächlich als empirische Forschungsfrage interessant. Denn es ginge dabei dann nicht mehr um Kollketivverhöre, wie das die empirsche Sozialforschung macht, sondern, durchaus ähnlich einer prognostischen Hypothese, wie sie in den Naturwissenschaften aufgestellt werden könnte: Womit kann ich rechnen? Und: womit kann ich noch rechen, oder auch: nicht mehr? Guter Gedanke.
Und dazu noch ein aktuelles Fundstück, das sehr deutlich zeigt, wie die Vermeidungspraxis zustande kommt:
http://killerbeesagt.wordpress.com/2011/11/30/false-flag-im-kommentarbereich/
Ein Troll-Kommentar: Gibt es überhaupt Trollkommunikation, oder spannen die Kommentare nicht vielmehr “Möglichkeitshorizonte” auf, der als “unangenehm” empfunden wird? “Und das heißt andersherum: mit dem Internet wird nunmehr möglich, was vorher immer vermieden wurde, aber niemand vermeiden wollte.” Die Frage ist also, was das “Publikum” an dieser Kommunikation als “unangenehm” empfindet? Die Diskreditierung eines anderen als Troll dient also dem eigenen “Wohlbefinden” im bekannten Diskurs-Milieu.
“dem eigenen „Wohlbefinden“ im bekannten Diskurs-Milieu” das ist eine gute Frage. Jedenfalls hat mein Blog keine Chefredaktion, die festlegt, welcher Leserbrief veröffentlicht wird und welcher nicht. Also bin ich mein eigener Chef in dieser Hinsicht. Die Trollkommunikation könnte vielleicht von der gegenseitgen Erwartung ausgehen, dass es dennoch eine Cheferedaktion gäbe und man versucht nun gegenseitig die Regeln des Zulassens von Kommunikation zu diskutieren, obgleich mit dem Absenden und der Freischaltung eines Kommentars die Kommunikation immer schon läuft. Dann schaffen wir es aber nicht mehr, die Regeln des Zulassens durchsetzen, weil alles schon zugelassen wurde, weil die Kommunikation sich schon durchgesetzt hat. Die Trollkommunikation entsteht dann, wenn dieses Zulassen nicht beobachtet wird, wenn die Beobachtung vermieden wird, dass es schon passiert ist.
Dies wäre eine Reduktion … (auf technisch kontrollierte Kommunikation). Das “Zulassen” von Kommunikation kann nur in der Annahme liegen.
“Dies wäre eine Reduktion auf technisch kontrollierte Kommunikation” – technisch kontrollierbare Kommunikation? Wir können keine Reduktionen von kommunikativer Komplexität bezeichnen ohne, dass Kommunikation schon zugelassen wurde. Und wenn das so ist, wie käme man dann theoretisch zurecht wenn man differenzieren will, z.B: technisch kontrolliert oder semantisch? Das „Zulassen“ von Kommunikation kann nur in der Annahme liegen. Und nur dann stellt sich die Frage wie man aus dem selbstreferenziellen Prozess klug wird, der schon läuft. Hier ein kleines Spiel. Bitte ausprobieren und darüber nachdenken:
http://www.dialecticdoubleclick.net/
“Wir können keine Reduktionen von kommunikativer Komplexität bezeichnen ohne, dass Kommunikation schon zugelassen wurde”. Genau das sag ich auch. “Das „Zulassen“ von Kommunikation kann nur in der Annahme liegen”. Die exemplarische Reduktion auf das Technische greift m. E. zu kurz, weil dadurch unvermutet ein Sender-Empfänger-Modell assoziert ist.
“Ich stelle für alle Internettrolle dieser Welt meinen Namen „Klaus Kusanowsky“ kostenlos und ohne Erwatung auf Gegenleistung als pseudonyme Adresse für „identity fraud“ zur Verfügung.”
Ich sehe nicht so recht, welche neuen Erkenntnisse dieses Experiment über Trollkommunikation bringen soll? Stehst du nicht am Ende vor demselben Problem wie jeder andere empirische Sozialforscher, daß du die Leute, die deinen Namen mißbrauchen, darüber befragen müsstest warum sie das tun?
Dieser Einwand leuchtet mir noch nicht so recht ein. “weil dadurch unvermutet ein Sender-Empfänger-Modell assoziert ist” Unvermutet assoziiert?
@Kusanowsky „Der Troll erscheint damit ein negativer Diskurseffekt, der durch die medialen Reduktionen der schriftlichen Internetkommunikation disponiert wird.“ Da hätte ich Zweifel anzubringen, aber ich komme gerade nicht dazu. Ich greif das später noch mal auf.
Dieser Satz gehört sicherlich zu den zweifelhaftesten in meinem Kommentar und ich wollte ihn als fragwürdige Hypothese einfach mal in den (Diskurs)raum stellen. Bei einem späteren Aufgriff wäre ich geneigt, darauf zurückzukommen.
Bezüglich Deines Fundstücks: Wenn das Zustandekommen der Vermeidungspraxis hier in dem Versuch bestehen sollte, ein Trollverhalten zu entlarven, welche nicht nur theoretischen, sondern praktischen Schlussfolgerungen würdest Du vor dem Hintergrund Deiner Überlegungen daraus ziehen? Den Troll füttern, um die Paradoxien der Selbstreferenz bis zum Äußersten ihrer Beobachtbarkeit zu treiben, oder eher das Gegenteil versuchen, indem man das Scheitern der Habermas’schen Diskursethik auf paradoxe Weise zum äußersten ihres Gelingens treibt: indem man die Störungen einfach als eine Normalität zweiter Ordnung anerkennt?
@stromgeist “Wenn das Zustandekommen der Vermeidungspraxis hier in dem Versuch bestehen sollte, ein Trollverhalten zu entlarven, welche nicht nur theoretischen, sondern praktischen Schlussfolgerungen würdest Du vor dem Hintergrund Deiner Überlegungen daraus ziehen?”
Zunächst würd ich sagen, dass wir mit der Unterscheidung von Theorie und Praxis nicht mehr weiterkommen. Alle Theorie über Kommunikation ist nur als Kommunikation über Theorie möglich. Keine Theorie der Kommunikation ohne eine Kommunikation von Theorie und Kommunikation. Diese Einsicht hatte Luhmann schon vermittelt. Deshalb gehe ich anders herum vor und frage mich, wie es kommen konnte, dass dies vor Luhmann nicht oder nur schwer kommunizierbar war. Wodurch wurde die Ablenkung (Perturbation) herstellt, welche es zustande brachte, dass man von einer Theorie der Kommunikation sprechen könne, ohne zugleich auch von einer Kommunikation der Theorie, und folglich auch von einer Kommunikation der Kommunikation. Frage: Wie wurde dieser selbstrefernzielle Zusammenhang vermieden? Oder besser: wie konnte es gelingen, dass dieser selbstreferenzielle Zusammenhang für die Theoriefindung ignoriert, und wenn nicht ignoriert, dann wenigstens theoretisch nicht konsequent behandelt und damit auch nicht radikalisiert wurde? Diese Vermeidung geschah durch Strukturen der Fremdreferenz, wie sie durch die Behandlung der Dokumentform garantiert wurden. Mit der Dokumentform konnte erfolgreich die Beobachtung vermieden werden, dass das transzendentale Subjekt die Bedingung selber in Welt setzt, die es ihm ermöglichte, seine Argumente plausibel zu machen. Daher dieses “Trollphänomen”. Man nimmt nämlich gemäß der Rezeptionsgewohnheiten der Dokumentform an, der Troll sei ein Subjekt, welches die die Bedingung selber in die Welt setzte. Aber auf der dokumentarischen Ebene kann diese, fremdreferenzierte Behauptung ausschließlich selbstreferenziell überprüft werden. Denn das Dokument (hier html-Seite) lässt nicht bemerkbar machen, dass diese Behauptung fremdreferenzierbar und damit verfizierbar wäre. Also: wirfst du mir hier vor, ich setzte die Behauptung selbst in die Welt, dann setzt eben du hier diese selbst die Welt. Aber wir beiden, du und ich, sind darüber nur doppelt kontingent informiert. Alle lesen nur ein Html-Dokument und wissen nicht worum es geht. Denn alle Kommentare von stromgeist könnte ich auch selbst geschrieben haben. Wer weiß es denn besser? Antwort: nur du und ich. Alles andere kann hier nicht dokumentiert werden. Kusanowsky und stromgeist sind als Subjekte hinsichtlich ihrer Fremdreferenz (also: für alle anderen) nicht zu unterscheiden.
“Zunächst würd ich sagen, dass wir mit der Unterscheidung von Theorie und Praxis nicht mehr weiterkommen. Alle Theorie über Kommunikation ist nur als Kommunikation über Theorie möglich.”
Was die theoretischen Schwierigkeiten der Kommunikations(theorie) anbelangt, würde ich Dir zustimmen. Aber meine Frage bezog sich ja auf das konkrete Beispiel, d.h. auf den Umgang mit Trollkommunikationen. Auch wenn es dabei unweigerlich mit Theorien und Paradoxien zu tun bekommt, kommt man ja trotzdem nicht umhin, Strategien für den Umgang damit zu entwickeln. Du selbst experimentierst hier ja auch damit herum, aber natürlich mit dem Fokus auch die Entwicklung (system)theoretischer Ansätze zu Beschreibung des Problems.
Der ganze Zweck der Veranstaltung ist es ja aber, wenn ich es recht verstehe (und nicht nur ein Selbstzweck sein soll), neue oder modifizierte Beobachtungsschemata und -strategien zu entwickeln, die bestimmte Umgangsformeb mit dem Phänomen erproben will. Wenn es aber ein Problem ist, dass sich nicht nur auf die Selbst(ent)paradoxierung systemtheoretischer Sprachspiele beschränkt, sondern eben ein prinzipielles Phänomen der digitalen Kommunikations beschreiben soll, dann kann es ja in jedem möglichen denkbaren Zusammenhang der Internetkommunikation auftreten und tut es ja auch.
Nur kann man eben nicht in jedem denkbaren Kommunikationszusammenhang jedesmal systemtheoretische Sprachspiele zur Selbstaufklärung von Missverständnissen starten.
Meine Frage ist also, ob Du irgendeine Möglichkeit siehst, welche Formen der Kommunikationspraxis sich möglicherweise aus den theoretischen Überlegungen, die Du hier zu entwickeln versuchst, ableiten lassen. Konkret habe ich eine mir naheliegend scheinende Alternative vorgeschlagen: die Paradoxien zu steigern und damit zumindest die Beobachtbarkeit des Phänomens zu verstärken, an denen sich dann spezifische Kommunikationsstrategien formieren können (radikale Performanz der inkriminierten Unterscheidung); oder eben die Unterscheidung Troll/Nicht-Troll einfach aufzugeben und die Kommunikation Kommunikation sein lassen und sehen, was sich daraus ergibt (Diskursethik als eine Verlegenheitslösung, die aus der Not eine Tugend macht). Oder metaphorisch gesprochen: den Troll füttern, bis er platzt oder ihn genau so normal behandeln wie alle anderen auch? (Die dritte Möglichkeit, ihn zu ignorieren, scheint mir ja nicht in Deinem Sinne zu sein.)
Und um abschließend auch noch einmal auf die Ununterscheidbarkeit der Sprecher zurückzukommen: Es gibt schließlich noch andere Kriterien oder Medien der Kommunikation als nur die Dokumentform. Eine davon ist der Stil. Die Adresse und den Nickname wechseln ist leicht, ein technischer Vorgang, der von jedem in genau der seben Weise ausgeführt werden kann. Beim Stil klappt das so nicht. Den Stil zu wechseln erfordert subjektive Fertigkeiten, die nicht ablösbar von dem Subjekt sind, das den Wechsel vollzieht. Das Ausmaß dieser Fertigkeiten könnte man also auch als eine Kunst bezeichnen. Die man weniger oder besser beherrschen: und sich folglich auch daran erkennen kann. Vielleicht ist das Subjekt weniger transzendental, sondern – gerade durch seine mediale Fixierung auf die Schrift (womit ich nun doch noch einmal den obigen Gedanken aufgreife): ästhetisch. Und um den Gedanken vollends ins Hypberbolische zu treiben: “Keiner spricht so, als wäre er es nicht.” (Blumenberg).
Wohin uns das führt? Nun, vielleicht zu einer Kommunikationsstrategie der Wette: Wer hat das geschrieben, Kusanowsky oder stromgeist?
“Kommunikationsstrategie der Wette” – damit hättest du mir das Wort in den Mund gelegt; noch allgemeiner: Das Spiel der Kommunikation als Kommunikation des Spiels. Die Frage dreht sich für mich darum, ob sich ein Attraktor ausbilden könnte, der die Aufmerksamkeit von der Anweisung “Beobachte den Habitus” abzieht und sie auf die Anweisung lenkt: “Beobachte den Spieler, den Troll” oder ganz allgemein: “Beobachte den Beobachter.” Das Wettspiel wäre dann nur eine Möglichkeit, Hypothesen zu prüfen; eine Möglichkeit, die sich ergeben könnte, wenn sich auch Risiken daran heften. Dabei spekuliere auf die Beobachtung des umgekehrten Falls; nämlich, ob sich durch Beobachtung des Spielers Risiken minimieren lassen, die durch die Beobachtung des Habitus entstehen. Ich denke hier prototypisch an die Guttenberg-Plagiatsaffäre. Hier wird der Habitus verfolgt, weil der Verfolgte auf den Habitus herein gefallen ist. Attraktiv schien ihm der Habitus der Gelehrsamkeit als Ausweis der Reputation; ein Begehren, dass gerade aufgrund seiner Selbstbeobachtung völlig überflüssig war, denn als Adeliger und Mitglied einer höchst erfolgreichen und vernetzen Familie hatte er nie zu wenig davon. Und dann ging eine Jagd los, die auf den selben Habitus der Gelehrsamkeit herein fällt. Denn wollte man auch nur einen Bruchtteil der Doktorarbeiten einer ähnlichen Prüfung unterziehen, wird man die Falle feststellen: dass Wissenschaft, auch die intelligenteste, ohne Plagiieren gar nicht funktionieren kann. Die Beobachtung des Habitus verlangt aber: vermeide Plagiieren! Aber wie könnte dann die Wissenschaftskommunikation in Gang ommen, weil ja die Regeln der Kommunikation selbst durch Kommunikation ermittelt werden müssen. Also wird plagiiert, wobei das Vermeidungshandeln darin besteht, dieses Handeln der Beobachtung zu entziehen, indem man die Beobachtung des Habitus verstärkt, zum Beispiel durch akademischen Bluff, kennt jeder, funktioniert gerade deswegen und trotzdem. Die Folge ist eine gigantische Intransparenz, in welcher man sich irgendwie einrichten muss, wobei aufgrund dieser Intransparenz die Reputationsgewinne dann gegen Null gehen. Für ein Gummibärchen sitzen die fleißigsten Leute an ihren Doktorarbeiten, denn die Wahrscheinlichkeit auf anschließende Beförderung ist nicht einmal als Wettspiel interessant.
Und sollte irgendwann einmal das Internet für die Forschung relevant werden und von ihr nicht nur als ein Verbreitungsmedium von Dokumenten aufgefasst werden, dann dürfte es mit diesem akademischen Bluff sein Ende haben. “You just have internet access!” Aber erst dann wird es wieder interessant. Für die Beobachtung des Habitus bleiben allerdings die Strukturen von Organisationen erhalten. Nur werden sich diese Strukturen schon allein aufgrund des ständig steigenden Kostendrucks den Beobachtungsverhältnissen des Internets aussetzen. Und dann bleibt auch dort kein Stein auf dem anderen. Und meine Wette lautet, dass dies passieren wird. Und diejenigen, die sich zuerst mit diesem Spiel beschäftigen, haben dann die Nase vorn. Gewiss, es ist eine Wette, die ich auch verlieren kann.
Die Frage dreht sich für mich darum, ob sich ein Attraktor ausbilden könnte, der die Aufmerksamkeit von der Anweisung „Beobachte den Habitus“ abzieht und sie auf die Anweisung lenkt: „Beobachte den Spieler, den Troll“ oder ganz allgemein: „Beobachte den Beobachter.“
Das würde ich als eine Antwort auf Teil 2 meiner oben formulierten Alternative lesen. Also: Statt den Troll zu füttern, bis er platzt (Entschärfung der Paradoxie durch ihre reductio bzw. extensio ad absurdum), ihn genau so normal behandeln wie alle anderen auch (Entschärfung der Paradoxie durch ihre Deklarierung als Normalität zweiter Ordnung). Liege ich damit richtig?
Was den Plagiarismus in der Wissenschaft betrifft: ich bin mir nicht sicher, wie ich Dein Argument verstehen soll, dass Wissenschft ohne Plagiarismus gar nicht funktionieren kann. Heißt das: die Wissenschaft in den Institutionen, mit denen es wir gegenwärtig zu tun haben, oder Wissenschaft an sich?
Im ersten Fall würde ich Dir zustimmen: Der von der guttenbergschen Unschärferelation ausgelöste Aufstand im Elfenbeinturm müsste dann zu neuen Beobachtungs- und Administrationsverfahren zur Gewährleistung und Transparenz wissenschaftlicher Produktion führen. Im zweiten Fall würde mich Deine genauere Defintion von einem Plagiat interessieren. Der Verweis darauf, dass Wissen immer schon auf Wissen beruht, nicht jeder Gedanke faustisch genial und nicht jede Referenz mit einer Fußnote ausgewiesen werden kann, ist zwar richtig, aber auch zu billig. Das Prinzip Originalität ließe sich durch geeignete Verfahren ja relativ problemlos durch ein Prinzip der Referenzialität ersetzen, mehr denn je durch das Internet.
Wenn Dein Argument systematischer und nicht struktureller Natur ist (als ob bessere Institutionen, Menschen und Medien das Problem lösen könnten), gäbe ja also trotzdem Möglichkeiten, Plagiate von Nicht-Plagiaten zu unterscheiden. Auch wenn, das gebe ich gern zu, es immer Grenzfälle geben wird, in denen das schwer zu entscheiden ist. Aber wo gibt’s solche Grenzfälle nicht?
„You just have internet access!“ – Eine solche Trivialisierung des faustischen Genies in der McLuhan-Galaxy ist meiner Auffassung und Erfahrung selber nur die triviale Kritik eines Phantoms, das kaum einem Wissenschaftler ernsthaft Sorgen bereitet. Was zählt sind Affiliationen, Publikationslisten, Citation Impacts, Publicities und eingeworbene Budgets. Den Faust haben die meisten doch spätestens seit der Schule satt. Trotzdem würde ich behaupten, dass es gute und schlechte wissenschaftliche Arbeiten gibt. Und auch, dass es originelle Arbeiten gibt, die sich von plagiierten oder banalen unterscheiden. Dass es kein objektives Kritierium für diesen Unterschied gibt, wäre für mich kein Grund, die Unterscheidung aufzugeben. Wenn es möglich ist auf 94% der Seiten eines Buches kopierte Textfragmente aus 135 nicht ausgewiesenen Quellen nachzuweisen, reicht das für mich aus, ein Werk als Plagiat zu bezeichnen und zurückzuweisen.
Das Problem ist ja nicht der Anspruch auf den Geniestatus, sondern auf einen zu unrecht geführten Titel. Man kann es ja evt. auch mit einem KFZ-Meister vergleichen, der auch kein originelles Genie sein muss, sondern nur nachgewiesen hat, dass er die Sache, worin er als Meister gilt, beherrscht. Worin genau siehst Du hier den Zusammenhang zu dem Troll- als einen Kommunikationsphänomen?
“Worin genau siehst Du hier den Zusammenhang zu dem Troll- als einen Kommunikationsphänomen?” Der Zusammenhang ist der transzendentale Vermeidungsirrtum. Die Trolle machen uns auf diesen Irrtum aufmerksam, aber nicht nur sie, auch diese Plagiatsaffären; überhaupt all diese Dämonien des Internets verschärfen den Problemdruck, der in seiner strukturellen Anlage nicht neu ist, der aber jetzt immer weniger Ausweichmanöver und Vermeidungshandeln zuässt. Der Problemdruck vermindert den Spielraum für die Durchsetzung dieses Vermeidungsirrtums. Der Vermeidungirrtum lautet: Manipulation (einschließlich tricksen, täuschen, stören, verwirren) ist nicht zulässig. Das Trollphänomen ist das, was man beobachten kann, wenn dieser Irrtum nicht eingesehen wird.
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[...] <em>relativ</em> transparent zur Kenntnis gebe, dass ich ein Schummler, ein Scharlatan, ein Internettroll bin (oder sein könnte). Dieses Geschwafele von “Assoziologie” könnte, ich betone: [...]
Für mich hat der Terminus “Troll-Kommunikation” im Zuge der Beobachtung dessen, was sich im Internet abspielt, vor allem eine klar sich herauspuhlende Genitiv-Bedeutung: “Die Kommunikation des Trolls.” Aber es geht weniger um autonome Handlungs-Akteure, sondern: Kommmunikation als solche ist der Troll. “Troll-Kommunikation” demgegenüber bloß als einen vermeidbaren Spezial- und Sonderfall von Kommunkation zu behandeln, verdeckt diesen entscheidenden Aspekt meist leider in Gänze. Wenn man gemerkt hat, dass die Namen von Internetusern keine Akteure, sondern Kommunikationsstellen bezeichnen, kann man in der Tat nicht mehr von Trollen sprechen. Das Thema ist vom Tisch.
Und wird offensichtlich dennoch immer wieder beschworen! Und ich vermute, unter der Chiffre des Trolls reifiziert sich der Aspekt der “dämonischen” Selbststörung der Kommunikation. Der Versuch “ihn” (qua – maskulinisierender – Personifkation, Prosopopoiia) dingfest zu machen, läßt die Kommunikationstheorie demnach immer wieder in eine Handlungstheorie umkippen.
“Kommmunikation als solche ist der Troll”
Man könnte die Überlegung auch noch mal anders anstellen, indem man nicht danach fragt, ob es angemessen oder plausibel ist, von Trollen zu sprechen, sondern warum diese Phantome überhaupt auftauchen. Ich meine dies insbesondere in Hinsicht auf den Begriff der “Phantomatik” von Stanislaw Lem, der ein erster und frühzeiter Begriffsfindungsversuch für das war, was später unter dem Begriff der “virtual reality” und “cyberspache” diskutiert wurde. Leider scheinen mir diese Anglizismen weit hinter dem zurück zu fallen, was Stanislaw Lem 1964 unter Phantomatik verstanden hatte, was deshalb umso erstaunlicher ist, da für Lem das Internet zu diesem Zeitpunkt nur eine Gegenstand der Spekulation war. (Stanislaw Lem: Summa technologiae, 1964)
Ich denke darüber nach, dass die Internetkommunikaiton eigentlich nur aufdeckt, was vorher auch schon immer auf die eine oder andere Weise beobachtet wurde, aber aufgrund der Strukturbedingungen funktionaler Differenzierung nur systemeigene Schleifen erzeugte durch die diese Beobachtungen immer wieder vertagt wurden, weil ich vermute, dass die Wissensform transzendentaler Subjektivität damit gar nicht zurecht kam. Jetzt zeigt sich ein Problem, was vorher durch Vertagung oder Pathologisierung vermieden wurde, dass man es nämlich mit Phantomen zu tun hat, die aus paranoischer Beobachtung resultieren.
[...] I will feed you! Bekennerschreiben eines Internettrolls [...]