I will feed you! Bekennerschreiben eines Internettrolls. Bitte weiterleiten

von Kusanowsky

Guten Tag. Mein Name ist Klaus Kusanowsky und ich bin ein Internettroll. Jeder, der das liest, weiß was das ist, aber offensichtlich weiß niemand so recht, warum ein Troll so etwas macht. Jeder will das gerne wissen und ich möchte hiermit eine Erklärung veröffentlichen, warum ich so etwas mache.

Aus Erfahrung wissen wir, dass, wann immer in der Gesellschaft ein Problem dringlich wird, auch die Wissenschaft anfängt, sich damit zu befassen; insbesondere die Soziologie ist sehr erfahren und sehr emsig damit beschäftigt, mit Methoden der empirischen Sozialforschung soziale Probleme aller Art zu verstehen. Das gilt auch für das Phänomen der Internettrollerei. Allerdings gibt es in speziell dieser Hinsicht für die Soziologie ein großes Problem, das sie mit ihren bislang erprobten Methoden nicht gut erforschen kann. Sie muss nämlich, weil sie annimmt, dass die Probleme von bestimmten Menschen verursacht werden, diese auffinden und befragen; das heißt: diese Menschen müssen kommunikativ irgendwie erreichbar sein, damit man ihnen Fragebögen vorlegen kann, deren Fragen so formuliert sind, dass der Gegenstand der Befragung  – also der bestimmte Menschen, über den man etwas wissen will – durch die gestellten Fragen nicht schon beeinflusst wird. Denn geschähe dies, dann würde man Gefahr laufen, dass den Befragten durch die Befragung die Antwort auf die Frage schon im voraus mitgeteilt wird, was bedeuten würde, dass solche Ergebnisse, würden sie wissenschaftlich ausgewertet, nur etwas über die Soziologie aussagen und nichts über den Gegenstand der Befragung.  Doch will die Soziologie hinsichtlich dieses Problems nichts über sich selbst wissen. Die Soziologie kennt dieses methodische Problem natürlich schon lange und ist sehr fleißig damit beschäftigt, solche Manipulationen bei Massenbefragungen zu vermeiden, was übrigens durchaus gelingt, aber auch nicht immer so, dass die Soziologen vollständig befriedigt wären.
Was nun das Phänomen der Internettrollerei angeht, hat die Soziologie ein Problem. Sie kann diese bestimmten Menschen nicht erreichen, weil sie sich nur anonym im Internet bemerkbar machen. Dass dies überhaupt, also nicht nur für die Soziologie, zu einem Problem werden kann, liegt gerade darin begründet: sie sind nicht erreichbar, oder im Einzelfall nur sehr schwer und auch nur dann, wenn die Polizei einschreiten muss. Doch die Soziologie braucht keine Einzelfälle, sondern Massenfälle. Und das Problem ist massenweise auffällig.

Eine Hoffnung der Soziologie könnte nun darin bestehen, dass manche solcher Menschen aufgrund psychischer Störungen in psychotherapeutischen Einrichtungen aufschlagen und gegenüber Psychologen ein Bekenntnis über ihre Trollerei-Beschäftigung ablegen. Diese Fachexperten würden nun diese Einzelfälle befragen und die Untersuchungsergebnisse in Fachzeitschriften veröffentlichen. Erst dann kann auch die Soziologie sich um dieses Problem kümmern; sie kann bei den zuständigen Psychologen nachfragen, um viele dieser Fälle soziologisch auszuwerten. Würde man aber so verfahren, so käme schließlich nur heraus, was man auch ohne dieses Forschungsprojektes wissen könnte, dass nämlich all die befragten Internettrolle psychische Probleme haben, denn nur deshalb hat die Soziologie sie auffinden können. Und alle anderen? Ich zum Beispiel?

Man könnte nun vermuten, dass, wenn man weiß, dass die so untersuchten Internettrolle alle mit psychischen Problemen behaftet sind, auch diejenigen bestimmte Merkmale psycho-pathologischer Devianz aufweisen, die für die Befragung nicht erreichbar waren. Also: ich zum Beispiel.
Aber: Ich bin ja eigentlich gar kein Internettroll, weil ich kein Teil des Problems bin, denn ich bin erstens ein Einzelfall und zweitens erreichbar, zum Beispiel über die Kommentarfunktion dieses Blogs, bei Twitter und Facebook. Natürlich könnte man immer noch vermuten, dass ich irgendeine psychische Störung habe, doch zeige ich wenigstens eine Krankheitseinsicht und befände mich darum schon auf dem Weg der Besserung.

Daraus folgt: ich bin also gar kein Internettroll, sondern behaupte es nur, um all dies mit diesem Blogartikel zu erklären, wovon keiner eigentlich etwas wissen könnte, hätte ich es nicht verbreitet. Aber die Verbreitung konnte nur gelingen, weil du als Leser/in wissen willst, warum ein Troll so etwas tut. Ergo: jetzt ist verbreitet.  Beweist dass, dass ich ein Troll bin und störe?
Deshalb möchte eine Erklärung darüber abgeben, warum ich das tue:

Ich vermute, dass dieses Troll-Phänomen eine Art Bruch mit unseren zivilisatorischen Gewohnheiten ist. Der moderne Mensch hat sich selbst als ein “Socius” in Erfahrung gebracht, als ein Menschenfreund, der ein Freund von Menschen ist und bleiben will, und darum Kontakt zu anderen sucht.  Jedenfalls erscheint mir die Durchhaltefähigkeitfähigkeit des modernen Zivilisationsstolzes (“Die Würde des Menschen”) eine Unmöglichkeit, gäbe es massenweise Menschenhasser, die es nur darauf angelegten, anderen Schaden zuzufügen. Nun gebe ich zu, dass auch ich in meiner Nachbarschaft Leute kenne, mit denen ich nicht gut zu recht komme; und aus Massenmedien weiß ich, dass es anderen genau so geht; aber eine Würde rechnet mir mein Nachbar trotzdem noch zu, woraus ich den Schluss ziehe, dass der Nachbar dieses Nachbarn dies auch tut. Andernfalls müsste es massenweise Menschenhasser geben. Und dann kann ich mir nicht vorstellen, wie dieser Zivilisationsstolz noch durchhaltbar wäre.

Nun haben sich die Versuche der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen durch das Internet enorm vereinfacht. Und prompt fällt das Troll-Phänomen auf. Auf einmal stellen wir fest: es gibt massenweise Dummköpfe, Geisteskranke, irgendwelche Arschlöcher, die nur stören wollen. Ja, haben denn die Massenmedien in den letzten 50, 60  Jahren über etwas völlig Falsches berichtet? Der Einwand lautet natürlich, dass diese Trolle nur eine Minderheit sind, die es auch schon vor dem Internet gab, aber nur nicht aufffielen, weil die Menschen durch die konventionellen Massenmedien nicht so einfach Kontakt mit einander aufnehmen konnten.
Welchen Schluss könnte man daraus ziehen? Meine Schlussfolgerung lautet: es liegt gar nicht an den Menschen, sondern am Internet. Die Internetkommunikation betreibt diese Trollerei, nicht die Menschen. Kann das stimmen? Wie auch immer, jedenfalls scheint mir der Zivilisationsbruch darin zu bestehen, dass ein Socius versucht mit einem anderen Socius in Kontakt zu treten; und da die “Allgemeinen Geschäftsbedingungen”, die gegenseitig ausgehandelt werden müssten um zu erkennen, dass der Andere des Anderen auch ein Socius ist, unbekannt sind, entsteht diese Trollerei. Durch die konventionellen Massenmedien wurde nämlich bislang wirksam vermieden, dass die Menschen so einfach mit einander in Kontakt treten können. Mit dem Internet kann nun diese Vermeidungspraxis nicht mehr durchgehalten werden. Und das heißt andersherum: mit dem Internet wird nunmehr möglich, was vorher immer vermieden wurde, aber niemand vermeiden wollte. Und das bezeichne ich als einen Bruch mit unseren zivilisatorischen Gewohnheiten.

Das Internet lässt Kommunikation mit Unbekannten zu, die irgendwie heraus finden wollen, dass der Andere das ist, was man selber ist: Ein Socius.

Darum möchte ich einen ernsthaften Vorschlag machen: Ich stelle für alle Internettrolle dieser Welt meinen Namen “Klaus Kusanowsky” kostenlos und ohne Erwatung auf Gegenleistung als pseudonyme Adresse für “identity fraud” zur Verfügung. Trollt damit herum so viel ihr wollt. Es geht mich nichts an, weil ich mir einbilde, dass ich nicht Teil des Problems bin.

Aber ich verbinde dies mit einer Warnung: sollte ein Troll sich daran stören, dass ich so etwas zuzulasse, um mich anschließend mit Trollerei zu überschütten, dann gilt für mich der Imperativ: “I will feed you!”

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