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Tricksen, täuschen, stören: Betrachtungen zur Internetkommunikation 1

21. September 2011

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Wissenschaftsbeamte, die sich mit Soziologie beschäftigten, können den Unterschied zwischen einer allgemeinen Konfliktkommunikation und einer spezifischen Störkommunikation, wie sie durch das Internet aufkommt, nicht gut erklären. Der wichtigste Grund dafür könnte sein, dass die meisten Wissenschaftsbeamten an der Internetkommunikation gar nicht teilnehmen, und wenn doch, dann belassen sie es dabei, ein Weblog als Verbreitungsmedium von Dokumenten zu verwenden und scheinen sich dabei auf Routinen einzurichten, die der Gutenberg-Galaxy entsprungen sind. Hier das Beispiel eines Professors, der ein Weblog benutzt, um Belehrungen über das wissenschaftliche Arbeiten zu verbreiten; und hier das Beispiel von Dirk Baecker, der wohl nur einmal einen Zeh ins Wasser steckte und ihn dann schnell wieder zurück zog.
Natürlich steht es außer Frage, dass man das Internet zur Verbreitung benutzen kann, was mit vielen Weblogs häufig geschieht; und übrigens ist eine solche Verfahrensweise auch erst einmal naheliegend. Denn wenn man lernen will wie es geht, kann man nur mit dem anfangen, was man schon kennt. Umso interessanter sind dann die Beobachtungen der Enttäuschung von Erwartungen, die auf Internetkommunikaiton ausgerichtet sind, und die Beobachtung, wie diese Erwartungsenttäuschungen anschließend in Enttäuschungserwartungen umschlagen. Gemeint sind damit immer wieder beobachtbare “freak-outs” von Usern, die jedesmal, wenn feststellbar wird, dass sie der Internetkommunikation nicht gut gewachsen sind, sich beleidigt zeigen, Verwünschungen und Beschimpfungen zurück lassen, und nach einer Weile mit den gleichen unhaltbaren Routinen wieder von vorne beginnen. So wundert es dann auch nicht, dass diese Strukturbildungen, die durch das Internet entstehen, durch das Internet selbst thematisiert werden: Warum das Internet Scheiße ist” hieß es einmal bei Felix Schwenzel und von Stefan Schulz bei den Sozialtheoristen: “Es ist soweit. Das Privatmeinungsinternet macht mir keinen Spaß mehr.”
Shit happens.
Der Grund für diese Erwartungsenttäuschungen liegt meiner Vermutung nach darin, dass das Internet eine spezifische Störkommunikation hervorbringt, für die es bislang keine ausreichende Erklärung gibt, ja nicht einmal das Problem selbst scheint ernsthaft verstanden zu werden, weil man immer noch meinen kann, Konfliktkommunikation sei eigentlich etwas sehr Normales, habe es immer schon gegeben, weshalb man annehmen könnte, dass es keine Gründe dafür gibt, weshalb sich das durch das Internet ändern sollte. Man kann diese Gründe auch nicht erkennen, wenn man der Internetkommunikation mit Erwartungen begegnet, die durch andersartige Beobachtungsverhältnisse das Verhalten prägten. Eine soziologische Konflikttheorie, die sich konventionell über Massenmedien verbreitet, reicht darum nicht aus, die spezifische Form der Störkommunikation des Internets erklären zu können, weil die Störkommunikation des Internets durch die Internetkommunikation selbst beobachtet wird und folgerichtig durch Internetkommunikation ihre Erklärungsbedürftigkeit anmeldet. Diese Selbstbeobachtung ist nämlich auf Durchhaltechancen der Störung eingerichtet und damit auf Fortsetzung der Störung, was auch heißt: alle Kommunikation, die per Internet  eine Theorie der Störung verhandelbar macht, fällt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit selbst als Störung auf und kann die Chancen der Limitierung der Fortsetzungswahrscheinlichkeit nicht kontrollieren, solange es keine erprobten Kontrollregeln gibt.
Alle bekannten Theorien eines akademischen Wissenschaftsbeamtentums, das Wissenschaft im Staatsinteresse exekutiert, sind aber auf spezifische Kontexte der kommunikativen Er- und Vermittlung angewiesen, die sich insbesondere in Inklusions- und Exkulsionsregeln niederschlagen und welche es nicht zulassen, dass sich die Störkommunikation innerhalb der Wissenschaft über eine eingespieltes Maß an Regulierbarkeit hinaus entfaltet. Das prominenteste Beispiel ist das sogenannte Busen-Attentat gegen Adorno. Dieses Beispiel ist deshalb gut geeignet, weil es sehr drastisch zeigt, dass Störkommunikation, weil sie auf die Versammlung und Begegnung von Menschenkörpern angewiesen ist, schnell an Grenzen der Fortsetzbarkeit stößt. Selbst die Überlastung von Wahrnehmung durch Lärm und Gestank, ja vielleicht sogar durch Prügel ist immer an die Grenzen geknüpft, die in Interaktionssystemen nicht überschritten werden können. Störkommunikation war bislang nur durch Anwesenheit möglich. Abwesende kann man nicht anschreien.
Das Internet ändert das, indem es Störkommunikation zwischen Abwesenden möglich macht.
Fortsetzung

4 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Anonymus Permalink
    21. September 2011 12:13

    “sogenannte Busen-Attentat gegen Adorno.” Oder:

    “Es hatte eine große Veranstaltung im Auditorium Maximum gegeben. Fragen der Zukunft, der Gentechnologie etc. wurden verhandelt. Dann kam es zu heftigen Störungen. Von den Galerien wurde Mehl auf das Publikum und die Vortragenden heruntergestäubt, Tomaten und Eier flogen, kurz: ein wahres Chaos brach los. Später sah ich dann, wie menschlich betroffen Luhmann durch diese Attacke war. Wir haben sehr lange auf dem Flur vor seinem Büro gestanden und über diese Dinge geredet, und mein deutlicher Eindruck war wirklich: tiefe Betroffenheit. Er kam, schien es mir, einfach nicht darüber hinweg, daß dies so möglich war. Ich hatte fast das Gefühl einer sich deutlich mitteilenden Schutzbedürftigkeit.”

    http://www.systemagazin.de/beitraege/luhmann/fuchs_luhmann.php

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