Ketzerei und Manipulation

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Schon eine wenig intensive Beschäftigung mit Kulturgeschichte lässt den Eindruck deutlich werden, dass Plagiate das sind, was am meisten vermisst werden würde, wenn es gelänge, den Ansprüchen, die an Originalität, Individualität und Authentizität gestellt sind, gerecht zu werden. Denn der Anspruch, den Unterschied von “mein und dein” klären zu können, müsste zur Beendigung aller Ideenfindung führen. Weil Neues nicht angekündigt werden kann, können neue Ideen nicht dadurch entstehen, dass man sich an diejenigen Regeln hält, von welchen man nachträglich behauptet, durch sie seien neue Ideen entstanden. In diesem Fall kämen nur Wiederholungen dessen zustande, was ohnehin schon bekannt ist. Denn wenn der Unterschied von “mein und dein” immer schon klar wäre, was sollte darüber hinaus noch gefunden werden? Tasächlich kommt Neues überraschenderweise dann erst zustande, wenn in dieser Hinsicht genügend Unklarheiten hergestellt wurden.

Wir haben es wie vielen anderen Angelegenheiten auch, mit der Zurückführung der Problemsituation auf eine Paradoxie und folglich mit einer prinzipiellen Unentscheidbarkeit dessen zu tun, was durch eine Unterscheidung von “mein und dein” hergestellt werden soll.
Für eine Betrachtung der Situation reicht es aber auch nicht aus, ledigliche auf den Paradoxie-Gehalt des Problems zu verweisen, vielmehr käme es wohl auf eine Betrachtung der Tenazität an, mit welcher Systeme ihre Strategien gegen die Unhaltbarkeit ihrer Erfahrungsform durchsetzen.
Es reicht auch nicht, hier nur das Wort Autopoiesis anzuführen und zu behaupten, damit sei dann etwas geklärt. Es käme auf eine Spezifik der Organisation und Formatierung von Erfahrung an, die sicherstellt, dass Routinen sich ausbilden und durchgehalten werden können. Aber auch – und das wäre für die in naher Zukunft sich zeigenden Skandalisierungsroutinen der zu wählende Beobachtungsstandpunkt – unter welchen Bedingungen diese Routinen ihren Attraktor verlieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, liegt vermutlich in der zunehmenden Häufigkeit und Aufdringlichkeit der Skandalisierung einerseits und in den genauso emsigen wie hoffnungslosen Maßnahmen andererseits zur Vermeidung eines Problems, von welchem dann langsam erst erfahrbar wird, dass es keines ist, wenn Operationen der Sanktionierung nicht mehr adressierbar sind. Aber dieser Auflösungsprozess geschieht unbedacht, ziellos und unter nicht vorhersehbaren Bedingungen, weil die Herausbildung eines Attraktors, der zur Modifikationen und Restrukturierung unerlässlich ist, von niemandem hergestellt werden kann. Insofern bleibt alles genauso mit Gewissheit erklärbar wie offen und unvorhersehbar.

Vielleicht könnte es etwas nützen, wenn man den Versuch einer vergleichenden Betrachtung von Kulturepochen vornimmt, um zeigen zu können, was voraussichtlich geschehen könnte, wenn man zurück schaut und fragt, woran frühere Zeiten durch ihr Scheitern gereift sind.
Die moderne Gesellschaft hat mit der Herausbildung des Dokumentschemas ein Weltverhältnis etabliert, das für eine dringlich gewordene überlieferte Problemsituation einen höchst attraktiven Ausweg fand. Wenn man durch Erfahrung der christlichen Tradition annehmen konnte, dass allen Weltverstehens eine göttliche Wahrheit monumental, a priori vorausgesetzt werden muss, so kann bei Bezugnahme auf diese göttliche Wahrheit keine zweite, keine andere, keine abweichende Wahrheit akzeptabel sein. Zeigte sich solches aber, so waren Maßnahmen der Sanktionierung zur Rettung dieses Weltverhältnisses unerlässlich. Das Skandalon der Abweichung, wie es eine stratifizierte Gesellschaft herausbildete, scheint mir darum funktional mit dem Skandalon der Manipulation einer funktional-differenzierten Gesellschaft vergleichbar. Demnach wären die Ketzerstreitigkeiten des Mittelalters das historische Gegenstück zu Manipulationsstreitigkeiten der modernen Gesellschaft. Der Vergleich ist kein Vergleich von Ideen, von Handlungen und ihren Begründungen, sondern ein Vergleich von Strategien zur Rettung eines aussichtsreichen Weltverhältnisses, das Systemstabilitäten garantieren soll und welches sich durch seinen Erfolg der Grundlagen seiner Konstitutionalisierung beraubt.
Allerdings dürfte sich bei gründlicher Betrachtung auch zeigen, wo der Vergleich seine Plausibilität verliert. Denn der Vergleich von Äpfel und Birnen kann unter zwei verschiedenen Annahmen getroffen werden, nämlich durch den Unterschied von Ähnlichkeit und Verschiedenheit.
Beides macht den Vergleich möglich.