Löschen und vergessen – Wie die Gesellschaft ihre Probleme in Erfahrung bringt #systemtheorie

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Unter der angenommenen Voraussetzung, dass das Internet als ein gigantischer Datenspeicher betrachtet werden kann, der massenmedial zugänglich ist, muss die Frage höchst relevant erscheinen, wie man einen Datensatz, den man irgendwo auf einem Server ablegt hat, welcher irgendwo auf der Welt steht und auf den andere Sever jederzeit Zugriff haben, wieder löschen kann. Die gegenwärtige Stand der Dinge lautet, dass das gar nicht geht: wer schreibt, der bleibt.

In nicht wenigen Fällen dürfte das schon zu enormen Unanehmlichkeiten geführt haben, und man könnte vermuten, dass Phänome wie üble Nachrede, Gerüchte, Denunziationen, Verleumdungen, Kompromittierungen im Zeitalter des Internet etwas ganz Neues sind. Sind sie nicht? Na, dann bliebe ja alles beim Alten. Warum und woher dann die Aufregung? Warum und woher beispielsweise die Geschäftstüchtigkeit einer Verbraucherschutzministerin, die auf eine Idee kommt, an welcher schon ganz andere gescheitert sind, nämlich: ein Verfallsdatum für Datensätze? Woher kommt denn eigentlich das so erkannte Problem in einer Welt, die sich wie keine andere zuvor der säkularen Einsicht in die Vergänglichkeit alles Irdischen verschrieben hat, so dass es höchst merkwürdig erscheint, wie etwas völlig Gegenteiliges überhaupt beobachtet werden kann; dass also ewiges Verbleiben, ewige Erinnerung, die gegen alle bisherige Erfahrung spricht, ausgerechnet jetzt als ernstes Problem ganz humorfrei diskutiert werden kann?

Will man sich mit solchen Fragen theoretisch befassen, ist es kaum hilfreich, den Systemen Irrtum oder andere Defizite zu attestieren, weil man selbst für den zutreffenden Fall immer noch zu fragen hätte, woher denn diese Defizite kommen. Der Unterschied von Wahrheit und Irrtum würde entsprechend auf die Inidifferenz einer Problemsituation führen, womit gleichzeitig die Lösung genannt wäre. Aber ganz so einfach geht es nicht, insbesondere dann nicht, wenn man den paradoxen Umgang mit Komplexität eingeübt hat: wird die Sache zu komplex wird Simplizität angemahnt, wird die Sache zu simple, so das Gegenteil. Dass man aus dieser Überlegung einen Umgang mit der digitalen Medienpraxis ableiten und entsprechend erlernen könnte, wird zwar voraussichtlich geschehen, aber die Frage, wie und wodurch das Beobachtungsschema in Erfahrung gebracht werden könnte, das nötig wäre um zu verstehen, dass man aufgrund eines Fotos, eines Textes, eines Filmes, wie kunstvoll auch immer manipuliert, nicht mehr klar sagen kann, was der Fall ist, kann nicht einfach beantwortet werden, indem man Texte, Fotos oder Filme herstellt. Das Schema des Dokumentierens von Sinngehalt kann auf der deskriptiven Ebene nicht umgestülpt werden, weil diese Ebene selbst nur durch das Dokument als Beobachtungsschema in Erscheinung tritt. Sofern Systemtheoretiker davon wissen, bleibt ihnen nur übrig, die daraus resultierenden Paradoxien verschiedenfach durchzudiskutieren, aber eine Antwort auf die Frage, wie und warum Paradoxien überhaupt zu einem Problem (oder auch zu einer Lösung) werden können, ist daraus nicht abzuleiten. Paradoxien entstehen irgendwie, wenn ein Beobachter sich selbst beobachtet. Dass aber die Luhmannsche Systemtheorie höchst merkwürdig ist, findet kein Luhmannianer merkwürdig.

Über die Astrologie von Statistiken weiß man schon, dass die Frage ihrer Überzeugungskraft abhängig ist von den manipulativen Fähigkeiten eines Beobachters, der zum Zweck des Beweisens und Begründens bestimmtes Material anführen kann, um zu erklären, wie sich die Dinge angeblich und wirklich verhalten. Auch weiß man schon seit der Renaissance recht viel über das Selektionsverhalten von Werbefachleuten, Malern, Grafikern, Journalisten, Schriftstellern und Politikern: “So I have heard, and do in part believe it.” (Hamlet I.1). Aber was nutzt das alles, denn es gibt ja nicht nur den Unterschied von Wahrheit und Irrtum, sondern auch den von Wahrheit und Lüge, und keiner kann ganz genau wissen, auf welchen Unterschied es entscheidend ankommen mag, weil es eine Kontextidentität nicht gibt. Beispiel: wollte mir jemand Selbstwiderspruch durch Dokumentnachweis vorwerfen, könnte ich darauf klassisch reagieren, indem ich den Nachweis als unzureichend klassifiziere, oder indem ich durch Themawechsel den Vorwurfscharakter solcher Behauptungen gegen denjenigen wende, der meint, eine Recht darauf zu haben, Vorwurf zu äußern. Nicht viel anders würde man verfahren, wenn Verleumdungen, Kompromittierungen, Denunziationen vorkommen, denn wer hätte für welche Behauptung die Argumentationslast zu tragen?

Da so etwas allenthalben schwierig ist, könnte man glauben, ein Recht auf löschen und vergessen könnte die Sache einfacher machen – ein ideales Betätigungsfeld für eine Politik gleichsam, in der es noch nie darauf angekommen ist, den Widersinn der Systeme unerschrocken zu betrachten, weshalb es Politikern immer noch billig erscheint, auf diesen Widersinn widersinnig zu reagieren.