Bemerkungen zur Realität von Simulationsmedien 5 #systemtheorie

von Kusanowsky

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Die Annahme, dass es Geister gibt, scheint, wenn sie ernst gemeint sein soll, nur in Anführungsstrichen formulierbar, weil Anführungszeichen als Zeichen für Selbstdistanzierung vom Bezeichneten fungieren. Anführungszeichen sollen entsprechend zeigen, dass etwas anderes als das gemeint ist, was man sagt; sie sollen gleichsam die Differenz von Information und Mitteilung markieren und sind dennoch auf diese Differenz als Vorausssetzung angewiesen, damit sie als Zeichen interpretierbar sind. Das heißt, dass diese Differenz nicht bezeichenbar ist. Sie entzieht sich der Bezeichenbarkeit und damit aller Dokumentierbarkeit, sie entschwindet permanent und ist dennoch zugleich immer anwesend.
Warum ist die Differenz von Information und Mitteilung systemtheoretisch eigentlich relevant? Weil sie – so könnte man verkürzt sagen – in allen anderen, vorausgehenden Kommunikationstheorien stets übergangen wurde, indem versucht wurde, Verständlichkeit als eine aller Kommunikation vorausgesetzte Realität eines Gegenstandes zu beschreiben, ein Gegenstand, der durch Kommunikation wiederum zweckmäßig zu errreichen wäre, um damit dem Zirkelverweis zu entgehen, demzufolge alle Kommunikation erst die Verständlichkeit erzeugt, die ihr durch Kommunikation voraus geht. Die Dokumentform als Kondensat empirischen Beweisens lässt nur zu, eins nach dem anderen zu zeigen, immer nur ein Zeichen, das auf ein vorhergehendes Zeichen zurück verweist. Die Dokumentform als Empirieform lässt zwar zu, Gleichzeitigkeit zu thematisieren, kann sie aber nicht dokumentieren, sondern kann nur darauf verweisen und den begreifenden Nach- und Mitvollzug bestenfalls unterstellbar machen.
Unter diesem Gesichtspunkt empfehle ich, sich einmal die Vorlesungsdokumentationen von cspannagel anzschauen und auf die Differenz von Information und Mitteilung zu achten, die einerseits sicherstellt, dass Anschlussfähigkeit möglich wird, aber für den beobachteten Beobachter gleichzeitig ein permanenter Stolperstein ist, an dem alle Erklärungen und Beweise ständig scheitern, da alle Gleichzeitigkeit des Nach- und Mitvollzugs sich scheinbar von Moment zu Moment der Reflexion während des Mitteilungshandelns entzieht. Daher sind Bemerkungen und Zurufe aus dem Vorlesungspublikum auch keine Störung, sondern müssen didaktisch immer wieder abgerufen oder berücksichtigt werden, um festzustellen, dass Anschlussfähigkeit noch gegeben ist. Denn: wie soll der Vortragende sonst feststellen, dass er kein Selbstgespräch führt, wenn er seinem Publikum den Rücken zukehrt? Die Annahme der Unwahrscheinlichkeit des plötzlichen Verschwindens des Publikums reicht dafür allein nicht aus.

Aus diesem Grunde ist es auch gar nicht so abwegig, die Existenz von Geistern zu thematisieren. Gewiss: die Dokumentform als Form der Empirie kann zwar die Anwesenheit von Geistern thematisieren, aber diese Anwesenheit kann genauso wenig wie die Abwesenheit bewiesen werden. Daher der Rückzug auf Glaubensbehauptungen. Allerdings: was wäre, wenn eine andere Form der Empirie das Zeigen und Beweisen von Geistern möglich macht? In diesem schon älteren Gesprächsaussschnitt mit Jacques Derrida wird deutlich, dass die Annahme, dass es Geister gibt, so abwegig gar nicht ist. Und auch der Mathematik-Professor bleibt auf etwas Geisterhaftes angewiesen: die immerzugleich entschwindende und verbleibende Differenz von Information und Mitteilung.

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