Die Simulation von Text- und Bilddokumenten im WWW 1

von Kusanowsky

Das World Wide Web hat zu einer veränderten Struktur der Repräsentation von Dokumenten aller Art geführt. Die Veränderung besteht in der Herausbildung von Simulationen, die ein von der Empirieform einer funktional-differenzierten Gesellschaft abweichenden Charakter haben. Wie dadurch Verbindlichkeiten als Ergebnis einer sozialen Ordnung erzeugt werden können, ist bislang noch nicht absehbar; allein, es muss gegenwärtig reichen, den Lernprozess selbst in eine Textsimulation zu dokumentieren.
Der Lernprozess geschieht wie alles andere auch nicht voraussetzungs- und erfahrungslos. Bereits mit der Verwendung automatischer Gliederungsprogramme wie sie in Textverarbeitungen möglich sind, ergibt sich der Effekt, den Text graphisch auf der Bildschirmoberfläche zu repräsentieren. Das galt zunächst nur für den Schreiber des Textes, da man noch gewohnt war, den Text als Dokument aufzufassen und die Nachbearbeitung über den Umweg eines Dokumentendrucks vorzunehmen. Das vernetzte Hypertextsystem des World Wide Web radikalisiert diese Verfahrensweise, indem die Dokumentform für Leser und Schreiber aufgebrochen wird. Der Schreibende gestaltet auf dem Bildschirm ein netzartiges Gefüge. Dieses Bild ist vielgestaltig, assoziativ und komplex. Es besteht aus einer Pluralität unterschiedlicher Pfade und Verweisungen, die der Lesende zu individuell variierbaren Schriftbildern formt, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen der offenen Struktur des Textes und den Interessen und Perspektiven des Lesenden ergeben. Hermeneutische Vollzüge und interpretatorische Prozesse, die sich bei der Lektüre gedruckter Texte allein im Bewußtsein des Lesers vollziehen, werden unter Hypertextbedingungen als Lektürespuren sichtbar, die den Text beim navigierenden Lesen auf der Software-Ebene mitkonstitutieren. Das hypertextuelle Gesamtgeflecht von Icons, digitalen Bildern, Audio- und Videosequenzen sowie linearen Texten läßt sich auf diesem Hintergrund als eine bildhafte Struktur, d.h. als Textsimulation beschreiben. Der Hypertext wird damit in einem in einem Umsetzungsprozess zwischen dem abwesenden Leser und dem abwesenden Autor, welcher die entsprechenden Links in den Text eingebaut hat, erst hergestellt. Durch diese Interaktion auf der semiotischen Ebene vollzieht sich die Verbildlichung der Schrift und damit die Simulierbarkeit von Texten.

Trotzdem bricht die Unterscheidung von Wort und Bild im elektronischen Schreiben nicht vollständig zusammen. Die Unterscheidung kollabiert zwar, aber sie kann sich immer wieder aufs Neue in der Simulation bestätigen. Die Dokumentstruktur bleibt in der Textsimulation aufgehoben. Die Frage allerdings, ob sich im World Wide Web eine semiotisch relevante Veränderung des Umgangs mit Bildern, Lauten und Buchstaben vollzieht ist damit nicht beantwortet. Stellt man eine solche Möglichkeit in Rechnung, dann würde es sich bei den aktuellen Verschiebungen nicht um die einfache Iteration einer quasi-transzendentalen Opposition, sondern um eine medienspezifische Transformation des semiotischen Basisgefüges handeln. Die zeichentheoretische Differenz von Bild und Schrift bräche weder vollständig zusammen, noch bliebe sie starr und unverändert: sie konstituierte sich im Kontext eines medienspezifisch veränderten Gebrauchs vielmehr neu, d.h. sie formulierte den von ihr gemachten semantischen Unterschied auf veränderte Art und Weise und akzentuierte andere Aspekte als bisher. (Weiter)

Siehe dazu auch den Artikel
Performate – Zum Verhältnis von Retroreferenz und Selbstreferenz

About these ads