Differentia

Interaktion – Kommunikation unter Anwesenden

vorhergehende Folge

Den bislang gängigen theoretischen Annahmen kann man entnehmen (vgl. Kieserling), dass Interaktionssysteme dadurch zustande kommen, dass die Beteiligten ihr Verhalten durch wechselseitige Wahrnehmung der Anwesenheit aufeinander einrichten. Dazu gehört auch die Wahrnehmung der eigenen Anwesenheit. Interaktionssysteme erzwingen damit eine Art undifferenzierter Inklusion, weil im Prinzip nichts der Aufmerksamkeit der Beteiligten entzogen werden kann. Mit der Anwesenheit ist zugleich das Selektionsprinzip benannt, das die Wechselseitigkeiten auf ihre Anschlussfähigkeit hin organisiert; es zieht damit zugleich eine Systemgrenze, die darin besteht, dass man nur mit Anwesenden, aber nicht über sie, nicht mit Abwesenden, sondern nur über sie reden kann.

Das hat eine starke strukturelle Einschränkung dieser Kommunikationssysteme zu folge. Interaktionssysteme bleiben meist auf eine Komplexität reduziert, die in ihrer Entfaltung sehr eng an die Bedingungen ihrer Umwelt geknüpft ist, sie zeichnen sich daher durch eine geringe strukturelle Elastizität aus und erfordern eine Synchronisation von Handlungssequenzen, die ein strenges Regelschema von Abläufen notwendig machen. Interessant ist nun die Annahme, dass es für solche Interaktionssysteme jeweils ein spezifisches “Typenprogramm” (Fußnote) gibt, ein Begriff, der allerdings nur schlecht mit “Thema” übersetzt werden kann, da Interaktionssysteme Handlungen produzieren, von welchen nicht immer eindeutig erkennbar ist, ob sie etwas mit jeweiligen Thema zu tun haben. Ein Typenprogramm legt aber relativ eindeutig fest, was zur jeweils ablaufendenden Kommunikation gehört und sortiert alles andere auch dann, wenn es sich als anschlussfähig erweist, als nicht dazugehörend aus. Man könnte auch sagen, beim Typenprogramm handelt es sich um die Regeln der jeweiligen Interaktionssituation, die erkennen lassen, ob das Geschehen so weiter gehen kann oder nicht. Typenpgromme koodinieren die Koordination von Handlungen. Insbesondere am Beispiel von Spielsituationen kann man das sehr deutlich sehen. Durch die Festlegung auf die Spielregeln wird die Interaktiossituation definiert und läßt nur wenig Abweichung zu. Wichtig ist nun aber, dass eine Situation nicht nur einmal definiert werden kann, sondern mehrmals. Das heißt, dass gleichzeitig auch noch andere Typenprogramme ablaufen können, ohne, dass sich damit die Interaktionen gegenseitig in ihrem Ablauf stören. Man spielt etwa “Mensch-ärgere-dich-nicht” und thematisiert beim Spielen zugleich Dinge des alltäglichen Geschehens. Dadurch kann es aber zu verwickelten Irritationen kommen, die für die Funktionsweise strukturell gekoppelter Systeme von entscheidender Bedeutung sind.

Spieltheoretisch geht es bei Interaktion um die Struktur von Erwartungen, die sich außerdem an vorliegenden Erfahrungen der doppelten Kontingenz beobachten lässen. Wobei zunächst an den Gebrauch des elementaren sozialen Strukturgitters der “Matrix” zu denken wäre , aber das ist schon ein Begriff aus der Interaktionstheorie von Jürgen Markowitz, der an den Begriff des attentionalen Alternierens gebunden ist, eine Überlegung, die dazu zwingt, den schon erwähnten Dualismus der tragenden Prozesse in den Blick zu nehmen. Wichtig ist nämlich, dass für die soziale Regulierung des stets prekären Verhältnisses zwischen Wahrnehmung und Kommunikation durch die Formatierung von Verhaltens- und Interaktionskomponenten Vorsorge getragen wird. In diesem Zusammenhang käme es auf die Bestimmung von Stellen im Ablauf des Geschehens an, durch die Zuordnung von erwartbaren Engagements an personale Referenten der Matrix des Geschehens vorgenommen werden und die dabei Funktionsbezug, Kompetenzen, Erreichbarkeit, Zugänglichkeit sowie Disponibilität berücksichtigen.

Fortsetzung

Habermas und Luhmann

Habermas: Herr Luhmann, Sie behaupten, daß meine Theorie gar keine Soziologie sei, da ich für meine Gesellschaftsanalyse einen idealen Maßstab, wie eine gute Gesellschaft aussehen sollte, brauche. Wie aber, frage ich sie, will man denn überhaupt Wissenschaft betreiben, wenn man seine normative Basis nicht reflektiert und offenlegt? Es gehört doch inzwischen unbestritten zum wissenschaftlichen Anstand, seinen Maßstab zu benennen, [...] An der Schwierigkeit, sich über den eigenen Maßstab Rechenschaft zu geben, hat die alte Kritische Theorie von Anbeginn laboriert. Ich habe es einerseits als meine Aufgabe angesehen, das Defizit der alten Kritischen Theorie zu beheben. Ich war immer der Auffassung, daß die normativen Gehalte einer Theorie zur Theorie selbst gehören müssen. Darum muß jeder Wissenschaftler seinen normativen Maßstab rekonstruieren. Andererseits wollte ich die Kluft zwischen gesellschaftlicher Realität und Idealen verringern. Ideale muß man als konstitutive Ideen verstehen, die ihres >fundamentum in re< nicht entbehren, und die politische Anstrengung der Menschen muß sich darauf richten, die Abweichungen von ihren lebensorientierenden Idealen zu verringern. In diesem Sinne ist das Projekt der Aufklärung erst noch zu vollenden.

Luhmann: Sehen Sie, an dieser Stelle habe ich bereits meine Schwierigkeiten. Als Soziologe kann man eine Gesellschaftstheorie so nicht einführen. Das könnte man als Philosoph oder als normativ orientierter Politikwissenschaftler, wobei ich auch dabei meine Bedenken anmelden würde. Die hatte ja auch Ihr Ziehvater Adorno schon, der sagt, daß sich das abstrakte  Aufklärungsziel Gerechtigkeit in der gesellschaftlichen Realität zur Ungerechtigkeit wandelt. Adorno war in vieler Hinsicht realistischer als Sie. Ich habe ganz zu Beginn meiner Gellschaftstheorie im Jahre 1968 bereits gesagt, daß es um eine nüchterne, unbefangene Würdigung der Wirklichkeit gehen muß. ich bin zwar kein empirischer Forscher, doch basiert meine Theorie auf Milieukenntnis. [...] Als Jurist ist man immer mit Problemen konfrontiert und muß diese Probleme lösen. [...] Sieht man irgendwann einmal über den Rand seines Juristenhorizontes hinaus, entdeckt man, daß die Gesellschaft insgesamt doch ganz ordentlich funktioniert. Dann fragt man sich, wie trotz aller Probleme gesellschaftliche Ordnung möglich sei. Bei Ihnen ist eine gesellschaftliche Ordnung schon vorher da, und dann weiß man auch, wie die funktioniert. Bei mir stellt sich die Frage, wie es denn überhaupt zu einer Ordnung kommen kann. Ihr Ausgangspunkt ist die heile Welt, meiner die Probleme.

Zitiert nach: “Jürgen Habermas zur Einführung” von Detlef Horster, Seiten 33/34; Junius Verlag, Hamburg 1999

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