Die Dekadenz parasitärer Gewissheiten

von Kusanowsky

In soziologischer Hinsicht stellen soziale Programme eine Komplexität von Bedingungen der Akzeptabilität von Verhalten bereit, um gewöhnliche Erwartungen, die sich an sozial definierte und darum nur langsam modifizierbare Rollenmuster knüpfen, zu überschreiten, wodurch diese Rollenerwartungen bestätigt werden können, ohne sie einer Konsistenzprüfung unterziehen zu müssen. Soziale Programme prozessieren damit Unterscheidungsroutinen, die über Richtigkeit, Angemessenheit oder Plausibilität von Sinnangeboten entscheiden und im Ergebnis ihre Lückenhaftigkeit für eine unvordenkliche Zukunft auf Dauer stellen. Damit ist für soziale Systeme die Möglichkeit gegeben, ausreichend Konfliktchancen zur Stabilisierung ihrer durch eben diese Unterscheidungsroutinen mitprogramierten Inkommunikablitäten zu reproduzieren. Diese Inkommunikabilitäten werden in einem funktional ausdifferenziertem Immunsystem aggregiert, um der Erstarrung auf der Seite manifester Erwartungen eben solche Erstarrungen auf der latenten Seite entgegen zu stellen. Durch diese gegenseitigen Routinen der Erstarrung bleiben Kommunikationssysteme elastisch und erproben stets aufs Neue ihre Bewährungschancen.

Beispielhaft kann man dies in der politischen Folklore des Alltagsgeschäftes beobachten: Konflikte sind operative Verselbständigungen von Widersprüchen durch Kommunikation. Sie entstehen, indem der Fortsetzung der Kommunikation durch Negation eine weitere Negation folgt. Einem “wir wollen nicht!” auf der einen Seite wird ein “wir wollen dieses Nichtwollen nicht!” entgegengesetzt. Bilden sich Konflikte schließlich heraus, verhalten sich sie parasitär zu den Bedingungen, durch die sie möglich wurden. Sie verbauen Strategien der Lösungsfindungen und stellen die Problemreproduktionsroutinen auf Dauer. Konflikte sind gleichsam Indikatoren für Entwicklungschancen, die allerdings unter das Risiko des Vollzugs von Konfliktualität gestellt werden.
Das erklärt Realitätsdefizite auf allen Seiten. In dem Maße, wie ein Staat auf der einen Seite durch ein höchst defizitäres international operierendes Finanzsystem in die Enge geführt wird, ein Finanzsystem, das beim Versuch, sein Problem der Zahlungsunfähigkeit zu lösen dieses Problem potenziert, muss er auf der anderen Seite dieses Ohnmächtigkeitszugeständnis durch die Herausstellung besonderer Handlungskompetenzen kompensieren. Dazu bedient sich der Staat hinsichtlich seiner sozialen Programme einer doppelt widersprüchlichen Strategie. Einerseits unternimmt er im Rahmen der staatlichen Organisation sozialistische Maßnahmen zur Wiederherstellung liberalistischer Marktideologien, zweitens negiert er jeden Staatsozialismus durch Verweis auf die Organisationsfähigkeiten des Marktes, dessen dysfunktionale Auswirkungen den dysfunktionalen Auswirkungen des Staates gegenüber gestellt werden. Gewissheiten auf allen Seiten fungieren in diesem Zusammenhang dann als Treibstoff der Konflikteskalation solange man es sich leisten kann, den Versuch zu wagen, durch Fortsetzung des Meinungskampfes den Meinungskampf zu beenden. Lösungen können nicht formuliert werden, solange alles, was sich als Lösungsvorschlag vorstellt, als auf Gewissheiten basierend verdächtigt werden kann. Politische Gewissheiten erzwingen damit eine parasitäre Wirkung. Im günstigen Fall reicht das aber noch um die Autopoiesis anzutreiben, was in diesem Falle heißt: die Lösung des Problems besteht wenigstens noch darin, es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

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